In den letzten Wochen hätten die geneigte Leserin und der geneigte Leser den Eindruck gewinnen können, dass der ewige Anfänger nur dann glücklich ist, wenn er etwas zu meckern hat. Obwohl dieser Eindruck vermutlich nicht jeder Grundlage entbehrt, kann ich natürlich auch dann zufrieden und glücklich sein, wenn es einmal nichts zu nörgeln gibt – allerdings waren ja nun in den letzten Wochen insbesondere die Wetterbedingungen auch eher bescheiden. Aber ab und an bin ich sogar richtig euphorisch, und das kann dann zum Beispiel so aussehen wie am letzten Samstag:
Mit breitem Lächeln – man könnte es schon fast ein Grinsen nennen – liegt der Läufer auf dem Sofa. Die Partnerin, ohnehin leicht angesäuert, weil er am Wochenende zwei Stunden potenzieller gemeinsamer Zeit mit Laufen – wie sie findet – verschwenden musste, fühlt sich provoziert: “Was lächelst Du denn so grenzdebil?” Eine nicht ganz unberechtigte Frage, denn das, womit sich der Läufer vom Fernseher berieseln lässt, sollte ihm eher die Tränen in die Augen treiben. Er weiß natürlich, dass sie die Antwort eigentlich gar nicht hören möchte, und sie weiß, dass er das weiß. Also murmelt er etwas in der Art von, “Ich hatte halt einen super Lauf heute”…
Gut drei Stunden zuvor: Draußen ist es bedeckt, aber trocken; nicht ganz so kalt wie in den letzten Tagen, aber auch nicht zu warm für die Jahreszeit; es ist windstill und noch mindestens zwei Stunden hell. Dem Läufer fällt keine Ausrede ein, den langen Lauf zu verschieben oder ausfallen zu lassen. Der Trainingsplan verlangt mindestens 15 Kilometer, eher mehr. Ein ganz schöner Angang. Aber es gibt keine Zeit- oder Herzfrequenzvorgaben, also kann man es ja ganz gemütlich angehen lassen. Das tut er dann auch. Und schon nach den ersten Schritten merkt er: Heute geht was!
In gefühlt gemächlichem Tempo gleitet der Läufer dahin. Sonst hat er während der ersten zwei, drei Kilomter oft den Eindruck, jeden einzelnen Laufmeter mühsam in den Asphalt prügeln zu müssen, aber heute fühlt er sich leichter als sonst. Was er definitiv nicht ist, denn am Wochenende kommt er in den Genuss der Kochkünste seiner besseren Hälfte – und sowohl Genuss als auch Kunst sind hier wörtlich und nicht ironisch gemeint. Nach dem ersten Kilometer ein flüchtiger Blick auf die Pulsuhr. Dann ein etwas längerer. Aber es stimmt – die Kilometerzeit ist extrem gut, hat fast schon Wettkampfniveau, während sich der Puls immer noch im regenerativen Bereich befindet. So darf es bleiben. Bleibt es auch. Sicher sinkt das Tempo ein wenig, als die Strecke welliger wird. Sicher steigt die Herzfrequenz über die Zeit leicht an. Das ändert aber nichts daran, dess es heute leicht ist und Spaß macht. Und irgendwie scheint es auch den entgegen kommenden Läufern ähnlich zu gehen, denn die Läufergemeinde ist heute sehr viel grußfreudiger zu als an anderen Tagen.
Kilometer 7,5. Zeit umzukehren, denn dann wäre zu hause die Mindestanforderung von 15 Kilometern erfüllt. Aber heute läuft es so gut, da darf’s ruhig ein bisschen mehr sein. Uns so wagt sich unser Läufer in entlegene Nachbardörfer vor, die noch nie zuvor ein Läufer erblickt hat. (Offensichtlich hat auch noch nie einer der Dorfbewohner einen Läufer erblickt, möchte man meinen, denn ungläubig aufgerissene Augen verfolgen ihn auf seinem Weg – aber das ist eine andere Geschichte). Irgendwann dann die Einsicht, dass man den Rückweg ja auch noch schaffen muss, also Wende bei Kilometer 10.
Jederzeit auf einen massiven Einbruch wartend, gleitet der Läufer weiter durch die spätwinterliche Landschaft, die man ohne Endorphin- und sonstige Hormonausschüttungen vielleicht als trist und trostlos bezeichnen würde. Er läuft und läuft und läuft – und hat Spaß dabei! Selbst der langgezogene Anstieg zwischen Kilometer 13 und 15 führt nicht zu nennenswerten Problemen. Als er ein paar Hundert Meter vor sich einen anderen Läufer erblickt, der sich in etwa im gleichen Tempo fortbewegt, ist er kurz versucht, seine Geschwindigkeit etwas zu erhöhen. Aber wozu? Warum einen wunderschönen, entspannten Lauf durch ein sinnfreies Überholmanöver unnötig mit Stress belasten? Also das eigene Tempo halten und den Lauf weiter genießen.
Selbst als bei Kilometer 18 die Beine recht plötzlich schwer werden, trübt das die Stimmung nicht. 18 Kilometer in ordentlichem Tempo, da dürfen die Beine bleiern werden – das erwarte ich, alles andere würde mich beinahe schon beunruhigen. Natürlich gibt es auf den letzten beiden Kilometern nicht mehr arg viel zuzusetzen, aber auch das war nicht anders zu erwarten. Ein paar versprengte Reste des lokalen Faschingsumzugs, besoffene Karnevalisten, pöbeln, kurz vor dem Verlust der Muttersprache, den Läufer an. An vielen anderen Tagen hätte er zurück gestänkert, heute lässt ihn das kalt.
Schließlich kommt er mit dem bereits beschriebenen breiten Lächeln zu hause an. 20 Kilometer in nur wenig über zwei Stunden ohne nennenswerte Probleme und ganz nebenbei deutlich über 2000 Kalorien verbrannt, das kann sich sogar einigermaßen sehen lassen – ist aber heute völlig zweitrangig. Das war einfach Laufen, wie es sein soll – ganz viel Spaß und Genuss! Da kann man auch noch zwei Tage später von zehren. Noch kein echtes Runner’s High, aber der Weg stimmt!
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