Runner’s World Laufcamp 2009 – Tag 5: Die Wand

Dieser Artikel ist der 7. von 11 Teilen in der Serie Runner's World Laufcamp 2009

runners-world-laufcamp-2009-013Wie jeden Morgen in dieser Woche weckt mich die aufgehende Sonne. Zu sehr sollte ich mich nicht daran gewöhnen – zu hause weckt mich wieder die Müllabfuhr. Ein weiterer, wunderschöner, sonniger Tag an der Algarve kündigt sich an. Herrlich! Das Leben wie es sein sollte!

Der lange Lauf

Als wir um 9:00 Uhr zum langen Dauerlauf aufbrechen, ist es zwar nicht mehr wirklich kühl, aber die Temperaturen sind noch angenehm. 9,5 Kilometer ist die Runde lang. Die Laufeinsteiger werden wohl eine Runde laufen, extrem ambitionierte Marathonis sicher drei oder sogar mehr, alle anderen mindestens zwei. Die Rundenlänge passt mir so gar nicht ins Trainingskonzept: 19 Kilometer sind mir für den langen Lauf eigentlich etwas zu kurz, 28,5 etwas zu lang. Irgendwo zwischen 22 und 25 würden mir heute gut gefallen. Also einfach mal zwei Runden laufen und dann weitersehen.

Die ersten Kilometer fühlen sich richtig klasse an. Guter Rhythmus, gutes Tempo, niedriger Puls. Nach der Hälfte der Runde gibt es eine kleine Verpflegungsstation, ich nehme etwas Wasser, und weiter geht’s. Auch am Ende der ersten Runde geht es mir noch gut, die zweite sollte kein Problem darstellen. Aber eher schnell als langsam wird es heiß. Ich muss etwas Tempo rausnehmen, aber Rhythmus und Tempo passen immer noch, es läuft rund.

Ab der Hälfte der zweiten Runde wird der Lauf etwas härter. Mittlerweile ist es mitten am Vormittag, die gefühlte Temperatur in der Sonne liegt bei mindestens 40°C. Vor mir liegen circa 1,5 Kilometer staubiger Schotterpiste, von Schatten weit und breit keine Spur. Der Schweiß tropft vom Schirm meiner Mütze und spritzt mit jedem Armhub vom Unterarm weg – wahrscheinlich laufe ich mittlerweile in einer Nebelwolke. Endlich geht es zurück in den Pinienwald – etwas Schatten, aber kurze, giftige Anstiege. Es ist zwar heiß, aber an sich mag ich das ja, und am Ende der zweiten Runde fühle ich mich noch gut genug für Runde drei.

Natürlich sind mittlerweile die Beine schwer, es ist ja nun nicht so, dass ich die letzten Tage Trainingspause gehabt hätte. Irgendwie erreiche ich zum letzten mal die Verpflegungsstation und fülle Flüssigkeit nach. Das mittlerweile lauwarme Wasser kühlt Kopf, Nacken und Beine kaum noch ab. Gefühlte Temperatur jetzt mindestens 50°C, auf der Schotterpiste ist es heiß und hell, und ich hinterlasse wieder meine Tropfspur.

Und dann, nach ziemlich exakt 25 Kilometern, laufe ich zum ersten mal in meinem ja gar nicht so kurzen Läuferleben in “Die Wand”. Der Kopf ist noch hellwach, das Herz-Kreislauf-System arbeitet im grünen Bereich, aber die Beine bleiben einfach stehen. Schwer zu beschreiben, man muss es wohl erlebt haben. Laufen funktioniert einfach nicht mehr, nicht einmal extrem langsam, also muss ich noch drei Kilometer zum Ausgangspunkt zurück gehen. Wie lästig. Ich trabe wieder an, aber es hat keinen Sinn. Die Hitze oder vielmehr die zu kurze Eingewöhnungsphase haben mich heute fertig gemacht.

Nimm es wie ein Mann, versuche ich mir einzureden, Deine längste Strecke in diesem Jahr waren bisher 20 Kilometer, also hast Du Dich um 25 % gesteigert! Ist schon klar, aber trotzdem fühle ich mich besiegt: Runde nicht zu Ende gelaufen, Zeit unter aller Sau, zurück geschlichen wie ein Walker mit Knieschuss. Ich spiele ein wenig an meiner Pulsuhr herum, und kann dann doch ein wenig lächeln: Das Ding behauptet, ich hätte 2899 Kilokalorien verbrannt. Na, dann ist heute Abend auf jeden Fall ein Dessert drin! Und: Ich habe jetzt schon mehr Kilometer abgerissen als in einer normalen Woche. Berlin-Halbmarathon, ich komme!

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Ich habe heute nicht nur eine Lektion gelernt. Die Mütze, mit der ich meine spärlich behaarte Kopfhaut zu schützen versuchen, hat so eine Art Lüftungsschlitze. Und durch die hindurch habe ich mir heute erneut das Haupt verbrannt. Eine neue Kopfbedeckung muss her – Tipps können gerne in den Kommentaren hinterlassen werden.

Der harte Kern

Der Rest des Tages vergeht heute schneller als bisher. Klar, der Urlaub neigt sich dem Ende zu. Und wahrscheinlich dauert es nach der Hitzeschlacht auch eine Weile, bis das Hirn wieder richtig durchblutet ist und die Zeit richtig wahrnimmt.

Beim kleinen Imbiss in der Strandbar fällt mir eine Campinsassin auf, die sich nach dem Mittagessen doch tatsächlich eine Zigarette anzündet. Die Tussi ist mir schon in Frankfurt am Flughafen aufgefallen – Pink ist ihre Farbe. Eine Erscheinung wie ein Unfall auf der Autobahn: Man möchte eigentlich nicht hinschauen, aber wegschauen kann man auch nicht. Hat entweder ein kieferorthopädisches Problem oder spricht einen nicht zu identifizierenden Dialekt. Trotzdem ist mir vorhin beim Wassertreten im Pool nicht entgangen, dass sie meinte, sich über meine Fettpolster äußern zu müssen. Und jetzt verpestet dieses schrille Etwas meine Atemluft? Hallo? Mädchen, das hier ist ein Laufcamp, nicht Germany’s Next Discoschlampe.

Am Nachmittag habe ich die Wahl zwischen Mittagsschlaf, Atemübungen am Strand und “Kraulen lernen” im Außenpool. Ich habe Angst, heute nicht mehr aufzuwachen, also scheidet der Mittagsschlaf aus. Der Außenpool hat gefühlte –4°C, scheidet aber nach einer kurzen Überprüfung der Badehosentauglichkeit meiner Figur sowieso aus. Die Atemübungen am Strand sind sehr entspannend und angenehm, also die richtige Wahl. Einmal abgesehen davon, dass ich ein paar weitere Stiche oder Bisse von was auch immer davontrage.

Beim Abendessen und in der Bar geht es heute richtig hoch her. Nach einer halben Woche hat sich der harte Kern herausgeschält, vier oder fünf Personen (bei einer Teilnehmerzahl von 60 eigentlich erschreckend wenig), die sich das eine oder andere Bier gönnen, nicht alles völlig ernst nehmen und einfach Spaß haben. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Hühneraugenpflaster zum Abkleben der Brustwarzen und Deutschlands erster SM-Marathon sind die Themen des Abends. Wir fragen uns, was die Anderen wohl so zwischen 21:00 und 8:00 Uhr treiben. Aber das wird wohl und soll auch deren Geheimnis bleiben.

Ich habe richtig Spaß. Laufurlaub in einer Gruppe ist sehr viel witziger, als ich gedacht hätte.

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