Kontrastprogramm

Dieser Artikel ist der 1. von 6 Teilen in der Serie jk running Trainingslager 2009

jk-running-trainingslager-2009-003Nachdem ich mich in den letzten Jahren – was Urlaub angeht – sehr zurückgehalten habe oder zurückhalten musste, wollte es der Zufall so, dass ich in diesem Jahr gleich zwei Trainingslager innerhalb eines Monats besuche. Kurz nachdem ich mich für das Runner’s World Laufcamp angemeldet hatte, bot mein Trainer ebenfalls ein Trainingslager an. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen, Urlaub zu bekommen war ausnahmsweise einmal kein Problem und der Preis stimmte – also sagte ich zu. Und so blogge ich heute und die nächsten Tage aus Lindow (Mark), der “Stadt der drei Seen”. Viel hilft viel – hoffentlich. Wir werden sehen…

Der geneigten Leserin und dem geneigten Leser drängen sich jetzt natürlich spontan zwei Fragen auf: Bist Du verrückt? Und: Du hast einen Trainer?

Bin ich verrückt? Gegenfrage: Würde ich sonst ohne Not bis zu 42,195 Kilometern laufen, und das auch noch so schnell wie irgend möglich? Und “verrückt” ist auch immer gleich so negativ konnotiert. Im positiven Sinn “laufverrückt” bin ich aber auf jeden Fall – zumindest für den Moment…

Habe ich einen Trainer? Das kommt darauf an, wie man “Trainer” definiert. Einen persönlichen Trainer, der mich auf meinen Laufrunden begleitet, habe ich nicht engagiert. Ich laufe auch nicht in einem Verein und lasse mich von dessen Übungsleitern zu Höchstleistungen anspornen. Ich bin, meistens jedenfalls, Alleine-Läufer. Aber meine Trainingspläne nehme ich nicht aus irgendeinem mehr oder minder bekannten Buch oder lasse sie von einer mehr oder minder dubiosen Software berechnen – meine Trainingspläne schreibt ein Mensch aus Fleisch und Blut, und zwar Woche für Woche unter Berücksichtigung meiner bisherigen Trainingsergebnisse und meiner für das Laufen zur Verfügung stehenden Freizeit. Individuell, auf mich und meine Bedürfnisse und Ziele zugeschnitten. Den Menschen, der das tut, nenne ich Trainer, und er heißt Jens Karraß, in Fachkreisen auch schlicht als “Klemmbrett” bekannt. Persönlich kannte ich meinen Trainer – bis gestern – nicht. Aber er kennt meine Laufdistanzen, Zeiten, Herzfrequenzen und meine Stimmungen, weil ich ihm die nach jedem Training ins Online-Klemmbrett eintrage. Seine Trainingspläne lassen mich weiter und vor allem schneller Laufen und sind abwechslungsreich, für mich persönlich genau das Richtige. So kann ich zu jeder unmöglichen Tageszeit trainieren und fühle mich trotzdem gut betreut. Der Mann war mal Deutscher Meister über 10.000 Meter – er wird wissen, was er tut.

“Jay Kay” rief also zum Trainingslager, und 30 “jk runner” folgten seinem Ruf, ich mitten unter ihnen. Und wo zum Teufel liegt Lindow? Im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, Kraftfahrzeugkennzeichen OPR. Und der liegt ein gutes Stück nordwestlich von Berlin, gelinde gesagt am Gluteus Maximus der Welt. Für mich knapp sechs Stunden Anreise. Kalt und trüb war es bei unserer Ankunft. Also Kontrastprogramm zur Portugalreise, übrigens auch, was die Unterkunft angeht: Das Sport- und Bildungszentrum Lindow bietet eben das typische Sportschul-Flair. Was nichts Schlimmes sein muss, aber es sieht eben mehr nach Sport und Schweiß aus als ein Touristenhotel am Algarvenstrand. In einem früheren Leben habe ich mal sehr viel Zeit in Sportschulen verbracht und fühlte mich deshalb in meinem Zimmer fast wie zu hause. Nur die Aussicht aus dem Fenster wirkte im trüben Licht ein wenig trostlos.

jk-running-trainingslager-2009-001

Bei der ersten, kurzen Vorstellungsrunde werde ich immer kleiner – ich bin der am wenigsten schlanke Mensch im Raum, vorsichtig ausgedrückt. Bestimmt bin ich auch der Langsamste. Noch ein Unterschied zur RW-Leserreise – hier wirken alle sehr viel ambitionierter, konzentrierter, sportlicher. Als ich meinem Coach zum ersten mal die Hand schüttle, beruhige ich mich wieder etwas. JK ist zwar immer noch ein Athlet, ist aber nicht so ein mitleiderregender Hungerhaken wie viele andere Läufer.

Am Sonntag Nachmittag dann noch ein recht lockerer Lauf um den Wutzsee, auf einem Teil des Stechliner Laufparks. Eine wirklich schöne Runde um einen idyllischen See, ideales Laufterrain. Aber bin ich eigentlich der Einzige, der die – anscheinend vor allem in Süddeutschland geläufige – Bedeutung des Worts “Wutz” kennt und den Namen deshalb lustig findet? Mein Knöchel schmerzt heute weniger, knarzt dafür peinlich. Und in der Tat laufe ich in der schwächeren Gruppe – die hier sehr klein ist – so einigermaßen mit. Anschließend noch ein wenig Lauf-ABC auf dem Rasen – ich war überrascht, wie viel Spaß das machen kann. Und wie so oft klingt ein Tag im Trainingslager abends an der “Sportlerbar” aus – allerdings greifen die meisten “jk runner” doch auf alkoholfreie Getränke zurück. “Wir” sind eben Sportler…

Auf den ersten Tag zurückschauend wird mir klar, dass das Runner’s World Laufcamp eine Lifestyle-Veranstaltung war, verglichen mit dem, was mich hier erwartet: Gute Deutsche Wertarbeit. Im guten Sinne. Viel hilft viel – hoffentlich.

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3 Kommentare zu „Kontrastprogramm“

  1. Jens sagt:

    Ich musste bei “Wutz” auch lachen ;) Ursprünglich komm ich ja auch aus Stuttgart, da kennt man das.
    In meiner “Hochphase” im Januar und im totalen Fieberwahn habe ich mich doch tatsächlich auch mal über personalisierte Trainingspläne informiert und bin bei Jens Karraß und Viktor Röthlin (vicsystem) gelandet. Leider bzw. zum Glück habe ich mich dann stundenlang in diversen Foren schlau gelesen, so dass zum Schluß keiner mehr übrig geblieben ist (Karraß scheinbar zu unpersönlich / Röthlin scheinbar mit recht hohen Laufanforderungen). Natürlich hab ich auch eingesehen, dass es zum damaligen Zeitpunkt noch zu früh war.
    Jetzt freut es mich umso mehr, dass ich mit dir einen Klemmbrett-Anhänger habe, der hoffentlich auch hin und wieder seine Erfahrungen mit uns teilt ;)
    Auf den Bericht der nächsten Trainingslagertage bin ich auf alle Fälle schon seeehr gespannt ;) Ich wünsch dir viel Spaß und gute Beine!

  2. der ewige Anfänger sagt:

    Bei Röthlin habe ich kürzlich erstmal wieder reingeschaut (bei irgendeiner Wettkampfanmeldung gab es einen 14-Tage-Testzugang) und fand den für mich zusammengestellten Plan eigentlich nicht übermäßig fordernd.

    Klemmbrett-Anfänger bin ich allerdings nicht, ich bin mittlerweile im zweiten Jahr bei JK und zufrieden genug, weitermachen zu wollen.

    Bleibt als dritte Alternative noch Peter Greif – der soll allerdings hohe Laufanforderungen haben.

    Und dann gibt es noch so etwas wie “go coach” oder so ähnlich, das fand ich bei meiner Suche allerdings komplett unpersönlich.

  3. Ein interessanter Vergleich steht uns bevor. Wöchentlich neu geschriebene Trainingspläne sind einfach am individuellsten. Sie müssen nicht die besten sein, das mag wohl niemand bewerten, aber sie gehören mit zur Spitze.

    Schön, wenn man dann zusätzlich auch noch an einem solchen Trainingslager teilnimmt. Ich freue mich auf die weiteren Berichte.

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