Post hoc ergo propter hoc?
Wenn man nach einem anstrengenden Trainingslager die eigene Halbmarathon-Bestzeit um 88 Sekunden unterbietet, dann spricht das doch wohl für das Trainingslager, nicht wahr? Oder ist die Bestleistung vielmehr auf eine allgemein gute Verfassung des Athleten und ideale Rahmenbedingungen wie perfektes Wetter und rekordverdächtige Strecke zurückzuführen – also Bestzeit trotz Trainingslager? Diese Frage lässt sich natürlich nicht eindeutig beantworten – das Trainingslager hat Spaß gemacht und ich habe mich verbessert, diese zwei Fakten zählen, und nicht der kausale Zusammenhang. Und damit ist im Grunde auch schon die wichtigste Frage beantwortet: Würde ich wieder ein jk running Trainingslager besuchen? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ja!
Und da ich nun einmal innerhalb eines Monats sowohl das jk running Trainingslager als auch das Runner’s World Laufcamp besucht habe, werden die beiden Veranstaltungen sich aneinander messen lassen müssen: Im direkten Vergleich wirkt das Runner’s World Laufcamp noch mehr wie eine Lifestyle-Veranstaltung und hatte sicher den höheren Urlaubs- und Erholungswert. Darauf zielt das jk running Trainingslager aber auch gar nicht so sehr ab, hier geht es in der Tat eher um Leistungssteigerung oder die Vorbereitung auf ein bestimmtes Saisonziel. Das können Jens Karraß und Piet Könnicke auch sehr viel besser leisten als die Runner’s World Redakteure, denn Jens und Piet kennen die Teilnehmer – wenn schon nicht persönlich, dann doch zumindest vom Online-Training her –, und können so recht speziell auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse des Einzelnen eingehen. Die Betreuung im Runner’s World Laufcamp muss also zwangsläufig weniger individuell ausfallen.
Fazit: Erholung, Entspannung und Urlaub findet man eher bei der Runner’s World, Leistungssteigerung und gezielte Saisonvorbereitung eher bei jk running.
Alles hat seinen Preis
Sechs Tage jk running Trainingslager mit Unterbringung im Einzelzimmer inklusive Vollverpflegung haben mich mit Anreise (nur die Benzinkosten gerechnet) rund 600 € gekostet. Für acht Tage Runner’s World Laufcamp mit Einzelzimmerzuschlag und Halbpension und inklusive Flug war ziemlich genau der doppelte Betrag fällig. In beiden Fällen würde ich sagen, dass das Preis-/Leistungsverhältnis stimmt. Den höheren Komfort im Vier-Sterne-Hotel und die größere Wettersicherheit in Portugal erkauft man sich eben mit einem höheren Preis und einer doppelt so langen, recht strapaziösen Anreise. Die Zwei-Sterne-Ausstattung im Sport- und Bildungszentrum Lindow fällt zwar vergleichsweise spartanisch aus, aber die Zimmer waren sauber und es gab alles, was man braucht: Ein vernünftiges Bett, WC und Dusche, genug Stauraum und sogar einen Fernseher. Und da man sich ohnehin nicht sehr viel im Zimmer aufhält, reicht das für ein paar Tage allemal aus.
Fazit: Das Preis-/Leistungsverhältnis beider Trainingscamps war in Ordnung. Höherer Komfort hat eben einen höheren Preis. Ob man den für ein paar Tage braucht, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks,
Als Manko beider Trainingslager habe ich die Verpflegung empfunden. In beiden Fällen handelte es sich um typische Großküchennahrung, die nicht sonderlich an den Bedürfnissen von Sportlern orientiert war. Richtig schlecht war es nicht, aber auch nicht wirklich gut. Im Touristenhotel in Portugal ist mir auf den Nerv gegangen, dass man gemeinsam mit Heerscharen von Rentnern zum Essen anstehen musste und stellenweise eine regelrechte Schlacht ums Buffet entbrannte. Dafür war dort die Auswahl etwas größer. Insgesamt also ein Unentschieden.
Der Wetterbericht
Was soll ich sagen? Ich hatte zwei mal Glück. Im Runner’s World Laufcamp schien von der ersten bis zur letzten Minute die Sonne vom strahlend blauen Himmel an der Algarve – aus der Kälte in Deutschland kommend fühlte es sich zum Laufen fast ein wenig zu warm an. Und in Lindow klarte der Himmel von Tag zu Tag mehr auf, und spätestens ab dem dritten Tag hatten wir dort herrliches Frühlingswetter mit nahezu perfekten Lauftemperaturen. Natürlich kann man im März an der Algarve auch eine Woche lang im Regen stehen, genau so wie in Deutschland. In Portugal ist der Regen dann aber wenigstens wärmer. Leichtes Plus für das Runner’s World Laufcamp.
Die Menschen
In jeder Gruppe von Menschen gibt es mindestens einen, der alle anderen nervt. Entweder ist es der spaßbefreite 2:45-Marathonmann, der in einer unangenehm dozierenden Art alle anderen zu einem besseren und schnelleren Leben bekehren will. Oder es ist der geschwätzige Möchtegern-Triathlet, der pausenlos von seinen Heldentaten berichtet und sich dabei auch noch für witzig hält, was er aber leider nicht ist. Von diesen speziellen Individuen einmal abgesehen treffen sich in einem Laufcamp natürlich Gleichgesinnte, die immer ein Gesprächsthema haben, und die schon deshalb gut miteinander auskommen und sich schnell kennenlernen.
Die Zusammensetzung der Gruppen war allerdings bei beiden Reisen vollständig verschieden. Im Runner’s World Laufcamp waren die Altersunterschiede eher vernachlässigbar, die gesamte Gruppe bewegte sich ungefähr zwischen Anfang 40 und Mitte 50, der Altersdurchschnitt damit relativ hoch und die Leistungsunterschiede gewaltig – vom sub-3:00:00-Marathonläufer bis zur blutigen Anfängerin war alles dabei. Im jk running Trainingslager war das Bild genau umgekehrt: eine eher große Altersspanne von circa Ende 20 bis Mitte 50, damit ein eher niedriger Altersdurchschnitt und die Leistungsunterschiede überschaubar – weder totale Überflieger noch Anfänger waren dabei. Für mich hieß das konkret: In Portugal einer der Jüngsten und leistungsmäßig vorne im Mittelfeld dabei, in Lindow altersmäßig im Mittelfeld und einer der Langsamsten.
Ich habe mich in beiden Gruppen wohlgefühlt, aber insgesamt wirkte die jk running Truppe homogener, was wohl auch an der kleineren Teilnehmerzahl lag. 60 Personen wie in Portugal haben eben schon etwas von Pauschalreise, da kann man nicht mehr alle kennenlernen. Bei 30 Teilnehmern wie in Lindow ist das gerade noch möglich.
Fazit: Läufer kommen immer schnell und meistens gut miteinander klar. 60 Personen sind aber für ein Trainingslager zu viel – und 30 immer noch grenzwertig.
Das Terrain
Lindow mit dem Wutzsee und dem Laufpark Stechlin bietet ein schönes und großes Laufgebiet. Allerdings wird die Runde um den See auch nicht sehr viel spannender, wenn man sie all zu oft dreht. Noch dazu ist sie ziemlich wellig, was gegen Ende der Woche schon schmerzt, und stellenweise durch Wurzelwerk und Treppenstufen eher unwegsam, was den asphaltverwöhnten Knöchel doch arg belastet. Eine Tartanbahn gibt es nicht, dafür eine ziemlich genau 500 Meter lange Runde um ein kleines Wäldchen herum. Für alternative Belastungen gibt es Rasenflächen.
Sehr viel gelenkschonender ließ es sich in den Pinienwäldern an der Algarve laufen. Breite Wege, wenig Hindernisse, idealer Laufuntergrund, viele verschiedene Strecken, ein Läufertraum. Dazu der Strand, um den Füßen auch einmal etwas Anderes zu bieten. Und ein schönes Stadion mit Tartanbahn in Laufreichweite.
Fazit: Beide Trainingslager boten gute bis sehr gute Laufterrains. Abwechslungsreichtum und Strand sprechen aber klar für das Runner’s World Laufcamp.
Die Betreuung
Wenn ich nur die Trainer rechne, die die gesamte Zeit vor Ort zur Verfügung standen, schneiden beide Trainingslager gleich ab: jk running bot mit Piet Könnicke einen Coach für 30 Sportler auf, die Runner’s World mit Sonja von Opel und Martin Grüning zwei Betreuer für 60 Teilnehmer. Athleten:Trainer-Verhältnis also in beiden Fällen 30:1, für mein Empfinden deutlich zu wenig. An der Kompetenz von Piet, Sonja und Martin gibt es aber nichts zu rütteln!
Und dann waren da noch die Meister selbst: Jens Karraß für jk running, Dieter Baumann für die Runner’s World. Beide sicher gute Männer, die viel zu geben haben – oder besser hätten. Denn für meinen Geschmack betätigten sich sowohl Jens als auch Dieter zu sehr als Clowns, beide waren nicht lang genug vor Ort. Bei mir als zahlendem Teilnehmer erweckte das stellenweise den Eindruck, nicht wirklich ernst genommen zu werden.
Fazit: Fachlich war die Betreuung in beiden Trainingslagern sehr gut. Ein Trainer je 30 Sportler scheint mir aber zu wenig zu sein. Auf Stars, die kaum vor Ort sind und dann überwiegend herumalbern, kann ich persönlich aber verzichten.
Was mir persönlich auch nicht wirklich gefällt, ist Heimlichtuerei. So teilten Jens und Piet im jk running Trainingslager immer kurzfristig auf Zuruf mit, wann und wo die nächste Trainingseinheit stattfände – was uns da erwartete, wussten wir erst, wenn es los ging. Ich habe gerne einen Plan, auf dem ich sehe, was mich die Woche über wo erwartet – wie im Runner’s World Trainingscamp.
Das Training
Rückblickend erscheint das Training im Runner’s World Laufcamp wie ein Picknick: Eine fordernde Trainingseinheit am späten Vormittag, eine weitere, sehr lockere am späten Nachmittag. Intervalltraining, lockerer Dauerlauf, langer Lauf und Tempodauerlauf wurden morgens in zwei bis drei Leistungsgruppen angeboten, Nachmittags dann meist ein lockeres Auslaufen oder Dehn- und Kräftigungsübungen am Strand. So kamen 80 Kilometer in 8 Tagen zusammen.
Dagegen fast schon militärischer Drill im jk running Trainingslager: Vor dem Frühstück raus zum kurzen, lockeren Dauerlauf. Frühstück. Anschließend die belastende Einheit: Tempotraining, langer Lauf, lockerer Dauerlauf, Intervalle – auf jeden Fall anstrengend und schweißtreibend. Mittagessen. Etwas später Dauerlauf um den See. Danach Dehnen oder Kräftigen oder beides in der Halle. Abendessen. Die Bilanz: 100 Kilometer in sechs Tagen. Ich muss gestehen, dass ich am letzten Tag ein echtes Motivationsproblem hatte – für mich war das Programm dann vielleicht doch ein wenig zu straff.
Fazit: Im jk running Trainingslager war das Training extensiver, intensiver und individueller. Ich persönlich hätte mir ein wenig mehr Freizeit gewünscht.
Junge, komm’ bald wieder…
Ob die beiden Trainingslager etwas Messbares bringen werden, wird sich im Laufe des Jahres zeigen – eine neue Bestzeit steht jedenfalls schon einmal. Spaß haben sie beide gemacht, und die Erfahrungen möchte ich nicht missen.
Werde ich im nächsten Jahr wieder ein Trainingslager besuchen? Wenn es beruflich und finanziell drin ist, auf jeden Fall! Ob es mehr in Richtung Wellness, also Runner’s World, oder eher in Richtung Leistung, also jk running, gehen wird, werde ich dann aber kurzfristig entscheiden…
Schlagworte: Bericht, Bestzeit, Jens Karraß, jk running, Laufen, Piet Könnicke, Trainingscamp, Trainingslager




Eine wunderbare und sehr informative Zusammenfassung und Gegenüberstellung der Trainingslager. Super!