Langer Dauerlauf (3): Läufst Du noch oder grillst Du schon?

Dieser Artikel ist der 3. von 3 Teilen in der Serie Langer Dauerlauf

Es soll ja Läufer geben, die gerne im Regen unterwegs sind. Einmal davon abgesehen, dass ich das bei Allergikern und Asthmatikern gut verstehen kann, empfand ich diese Schlechtwetterpräferenz immer als ein wenig, nun ja, komisch. Bis heute. Heute war mein Wetter. Und leider auch das von Hinz und Kunz und Krethi und Plethi.

Sonnig, wenige Wölkchen am Himmel, angenehm warm aber nicht heiß, ein erfrischender aber nicht zu starker Wind – kurz: Ein Wetter, bei dem ich einfach laufen muss – wie gemacht für den langen Lauf. Und wenn ich nur den reinen Trainingsaspekt betrachte, war der Lauf auch wirklich gut, also im Grunde nicht weiter erwähnenswert. Aber was sich da so links und rechts der Strecke abspielte war mitunter wenig appetitlich und schmälert meine Vorfreude auf den Sommer doch spürbar. Ich laufe jetzt auch nur noch im Regen…

Wie üblich laufe ich von der Haustür aus in Richtung Ortsausgang los. Die sonntägliche Ruhe liegt über dem Städtchen, hier und da hört man ein paar Kinder spielen. Am Ortsende biege ich nach rechts ab in Richtung See und muss mir plötzlich den Weg, auf dem ich sonst ganz alleine unterwegs bin, mit etwa einem Dutzend Spaziergänger und Radfahrer teilen. Kein Problem, anscheinend hat das Altersheim Ausgang. Obwohl – etwas lästig finde ich die betagte Dame auf dem Fahrrad schon: Sie versucht mich zu überholen, aber Böen der Windstärke Zwei werfen sie immer wieder zurück. Und so eiert sie auf ihrem Drahtesel Marke “Bismarck” geschlagene zehn Minuten neben mir her.

Ich entscheide mich für den Waldweg zum See, der ist für Fahrradfahrer ungeeignet. Für Mountainbiker aber anscheinend eine echte Herausforderung, oder sagt man in diesen Kreisen Challenge? Und gibt es irgendeinen geheimen Kodex unter Mountainbikern, der festlegt, dass man an Läufern so schnell und so nah wie möglich vorbeifahren muss, besonders wenn man von hinten kommt? Ihr Angeber, Ihr nennt Eure zu groß geratenen BMX-Räder Mountainbikes, dann verzieht Euch doch auch in die Berge. Oder ist Euch das zu anstrengend?

Endlich, der See. Frisches, klares, smaragdgrünes Wasser kräuselt sich ein wenig im Wind und umspült sanft den weißen Sand am Ufer. Hunderte halbnackter und komplett entblößter Menschen flegeln auf den Liegewiesen am Ufer herum. Würde Obelix – ja, der mit dem Hinkelstein – neben mir herlaufen, stünde in seiner Sprechblase: “Die spinnen, die Bayern!” Wohlgemerkt, es dürften so etwa 15 Grad sein und der Wind ist doch etwas frisch. Wenn diese Menschen jetzt schon alle Kleidungsstücke von sich werfen, was machen die dann im Sommer? Und wozu hat dieser See einen ausgewiesenen FKK-Bereich? Ich habe nichts gegen Nacktheit oder Nackte, aber nicht alles, was ich hier sehen muss, möchte ich auch wirklich sehen. Endet nicht die Freiheit eines Einzelnen (zum Beispiel sich auszuziehen) dort, wo sie die Rechte eines Anderen (nämlich mein Recht, ohne Brechreiz eine Runde um den See laufen zu dürfen) verletzt? Wäre eine Abordnung von Greenpeace hier, würden sie die meisten dieser adipösen Leiber in den See rollen. Mein Kopfradio spielt Die Toten Hosen: “Schieb’ den Wal zurück ins mehr”. Bewegt Euch lieber, statt hier herumzuliegen, ich laufe ja auch nicht im bauchfreien Top herum und erschrecke unschuldige Mitmenschen. Gut, ich gestehe, der eine oder andere Anblick war dann auch ganz angenehm…

Von den Wiesen her wabert schon deutlich wahrnehmbarer Sonnenölgeruch herüber. Meine Güte, im Sommer muss es hier ja stinken wie hinter einer Frittenbude. Und wenn der See erst einmal Badetemperatur erreicht hat, bildet sich bestimmt recht schnell ein Ölteppich. Vielleicht ruft der dann endlich Greenpeace auf den Plan. Nach der nächsten Biegung überlagert Grillgeruch den Sonnencremedunst. Steckerlfisch heißt die Spezialität, die vor dem Gasthaus am See zubereitet wird, und es riecht hervorragend. Ich erwäge kurz, meinen Lauf für eine Brotzeit zu unterbrechen – aber glücklicherweise habe ich kein Geld dabei.

Den offiziellen Startschuss zur Eröffnung der Grillsaison habe ich anscheinend überhört. Er muss heute gefallen sein, denn auf der nächsten Grünfläche sitzen alle Großfamilien mit Migrationshintergrund aus dem Städtchen und brutzeln Gerichte aller Herren Länder auf ihren Klappgrills von der Tankstelle. Die Sinne verwirrende Düfte schweben über dem Grillplatz, und es herrscht ein Babylonisches Sprachgewirr. Aber nachdem ich beinahe über einen Suppenhund gefallen bin und mich der Tausendste Mountainbiker erschreckt hat, will ich einfach nur noch weg vom See.

Ich bin kein Poet, kein Philosoph und auch sicherlich kein Ökotyp, aber hier herrscht heute eine ganz entsetzliche Disharmonie zwischen Mensch und Natur. Ich kann mich nicht entsinnen, das jemals so intensiv empfunden zu haben. Ich kann es auch schlecht in Worte fassen, aber es wirkt wie eine gewaltsame Inbesitznahme der Natur durch zivilisationsverweichlichte Ignoranten. Das Verhalten barbarisch zu nennen würde den Barbaren Unrecht tun.

Ich setze meinen Lauf über die Felder fort. Die Landwirte werden schon darauf achten, dass keine bunten, lauten Menschenmassen durch die Saat walzen. Und siehe da, es geht doch auch anders. Zum ersten mal in meinem Leben nehme ich bewusst einen Bienenstock war. Und irgendwie tun mir die fleißigen Bienen leid – denn schon in Kürze wird man sie ihres Nektars berauben um daraus Honig für die grölende Meute am See machen. Kurz darauf laufe ich an einem Entenpaar vorbei – offensichtlich sind die beiden vom See geflohen und kuscheln hier im Schatten einer Hecke. Leider habe ich keinen Fotoapparat dabei…

Die letzten, positiven Bilder bleiben hoffentlich intensiver erhalten als die anderen. Sonst kann ich nämlich wirklich nur noch im Regen laufen…

Und wenn jemand einen guten Tipp hat, welche Kamera sich für Läufer besonders gut eignet, freue ich mich über Hinweise in den Kommentaren.

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3 Kommentare zu „Langer Dauerlauf (3): Läufst Du noch oder grillst Du schon?“

  1. Hannes sagt:

    Du bist vielleicht kein Poet, aber bei diesem herrlich geschriebenen Artikel denkt man leicht, du wärst zumindest ein erfolgreicher Schriftsteller. Das liest sich wunderbar.

    Ich muss schmunzeln und kann es dir gut nachempfinden. Den einzigen Ausweg hast du ja schon selbst gefunden: Da laufen, wo es die Menschenmassen nicht ganz so sehr hinzieht.

  2. Christian sagt:

    Hm, ich weiss warum ich die Einsamkeit des Regenlaufs dem von Dir so plastisch und realistisch beschriebenen Schönwetter-Freizeit-Wahnsinn vorziehe. Du hast sämtliche Wörter benutzt, die mir in den letzten Jahren zu eben diesen Situationen eingefallen sind. Wenn man nicht militant ist, wird man es sehr schnell ob dieser Szenen.

    Trotzdem konnte ich auch lachen:

    “Wäre eine Abordnung von Greenpeace hier, würden sie die meisten dieser adipösen Leiber in den See rollen”

    Deshalb:

    Rettet die Wale ! Bitte nicht ;-)

    Salut

  3. Gerd sagt:

    Du kannst aber was erleben bei deinen langen Läufen. Wäre mir ein bisschen zu viel Mensch auf einen Haufen.
    Als Tipp kann ich Dir mal empfehlen ganz früh Morgens zu Laufen. Im Hochsommer Sonntag so ab 5:00Uhr. Kühl und einsam durch die ruhigen Wälder. Du wirst nichts anderes mehr wollen! ;-)

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