Die nervigsten Zuschauer

Zu den vielen guten Gründen, an einem Wettkampf teilzunehmen, gehören sicher auch die Zuschauer. Den meisten von ihnen gelingt es, uns zu motivieren und zu beflügeln, und wir freuen uns darüber und sind ihnen dankbar. Aber ehrlich gesagt – auf ein paar Charaktere am Streckenrand könnten wir ganz gut verzichten. Hier also die Liste der zehn nervigsten Zuschauertypen:

Der stille Verachter

Rentner, der sonst auf ein Kissen gestützt vom Fenster aus seine Straße überwacht, Falschparker anzeigt und die Nachbarskinder beschimpft. Steht heute ausnahmsweise vor der Haustür, weil die Marathonstrecke durch seine Straße verläuft, obwohl ihn niemand um Erlaubnis gebeten hat. Sagt nichts, bewegt sich nicht, schleudert aber jedem einzelnen der 50.000 Läufer Blicke der Verachtung entgegen, weil er wegen dieser Irren heute nicht in seiner Straße parken kann. Versteht sich sehr gut mit dem Blockwart (siehe unten).

Die Tennismami

Mischung aus Ursula von der Leyen und Désirée Nick, allerdings schon Mitte 60. Will aber keinesfalls für älter als Ende 30 gehalten werden. Zu stark gebräunt, zu stark geschminkt, zu auffällig frisiert. Steht schon Stunden vor dem Start im Zielbereich und erzählt jedem, der es nicht hören will, dass ihr Sohnemann auch mitläuft und den Marathon heute unter zwei Stunden laufen wird. Lässt Einwände nicht gelten – dann läuft Sohnemann eben Weltrekord. Hat den Spross, der inzwischen älter ist als sie aussehen will, mit drei Jahren in den Klavierunterricht und mit sechs ins Tennisinternat geschickt, beides ohne Erfolg.

Der Teenage Mutant Super Blogger

Pickliges Jüngelchen zwischen 13 und 26. Wohnt, unabhängig vom Alter, auf jeden Fall noch bei Mutti. Hält sich für Gottes Geschenk an die Blogosphäre. Betreibt mindestens vier Blogs und hat schon seit Jahren mit keinem echten Menschen mehr gesprochen. Jeder seiner Blogeinträge beginnt mit “Greetz Folkz, …”. Ist heute sauer, weil Tausende von Läufern ihn daran hindern, den ganzen Sonntag zu verschlafen. Schreibt deshalb in allen seinen Blogs wütende Einträge über die “Freakz” die vor seinen “Windowz” total viel “Soundz” machen. Wirft ab und zu eine leere Coladose aus dem Fenster auf die Läufer.

Die Krawallmutti

Meist zwischen 50 und 60, mit deutlichem Übergewicht und rundem, roten Gesicht. Hält sich meist auf offener Strecke in zweiter Reihe auf. Hat sichtlich Spaß an der Veranstaltung und springt ab und zu auf die Strecke, um mit einer Trillerpfeife oder luftgefüllten Klatschverstärkern ahnungslose Läufer zu Tode zu erstrecken. Meint es aber wirklich gut. Ihr Tag könnte nur noch schöner sein, wenn Thomas Gottschalk oder Florian Silbereisen auch mitliefen.

Der Sessel-Marathoni

Hätte jeden großen Marathon schon gewinnen können, wenn er nur teilgenommen hätte. Schaut sich die Rennen aber lieber im Fernsehen an, um die anderen Teilnehmer nicht zu demoralisieren. Wenn der Sieger ins Ziel läuft, macht er die dritte Flasche Bier auf. Weiß alles über Lauftechnik und Renneinteilung, was die Fernsehkommentatoren ihm vorgesagt haben. Bei den Bundesjugendspielen hätte er beinahe mal eine Urkunde gewonnen, seit diesem Triumph betreibt er nur noch Trinksport.

Der Blockwart

Bei jeder Laufveranstaltung gibt es mindestens eine Ecke, bei der die offizielle Strecke über die Straße verläuft, man aber über den Bürgersteig die Kurve schneiden und so ungefähr 75 Zentimeter Strecke einsparen kann. Der Blockwart, ein enger aber meist etwas jüngerer Verwandter des stillen Verachters (siehe oben), steht an genau dieser Stelle und wacht – ohne von irgendjemand darum gebeten worden zu sein – darüber, dass sich ja kein Läufer aus dem hinteren Drittel des Felds einen unerlaubten Vorteil erschleicht. Herrscht jeden, der auch nur den Versuch unternimmt, an: “Nicht abkürzen!”

Die Seitenwechsler

Müssen aus irgendeinem Grund auf die andere Straßenseite wechseln, während der größte und dichteste Teil des Felds vorbeiläuft. Entweder pseudocoole Ghettokids, die durch den Seitenwechsel Sozialkontakte vortäuschen wollen, oder Kinderwagen-schiebende Jungmuttis, die auf der anderen Seite ihre schwangere beste Freundin entdeckt haben. Gefährden sich, die Läufer und unbeteiligte Dritte (wie zum Beispiel das Kind im Kinderwagen), finden das aber total lustig und lachen sich kaputt, während um sie herum die Athleten stolpern und stürzen. Statt mit dem Strom zu schwimmen, arbeiten sie sich natürlich gegen die Laufrichtung auf die andere Seite.

Das Raucherpaar

Anfang 40, kinderlos, beide im Ganzkörper-Jeansoutfit. Was sie am Sonntag hier an der Strecke machen, ist ihnen selbst nicht klar. Ist halt mal was anderes. Letztlich machen sie hier aber auch nichts anderes als in ihrer Plattenbauwohnung: Rauchen und sich anschweigen. Wenn die Vier-Stunden-Läufer an ihnen vorbeikommen, stehen beide schon bis zum Knöchel in Kippen. Wären im Grunde kein Problem, wen sie nicht jedes, aber auch wirklich jedes mal in Richtung Strecke ausatmen würden.

Die Tussis

Sehen aus, als hätten sie gerade im Paris-Hilton-und-Nicole-Richie-Lookalike-Contest gewonnen. Verstecken ihre überschminkten Visagen hinter überdimensionalen Sonnenbrillen. Sehen deshalb aus wie Puck die Stubenfliege. Auch die beiden stecken sich eine Zigarette nach der anderen an. Bewerten lautstark jeden vorbeilaufenden Athleten, aber natürlich ist keiner gut genug für die beiden eingebildeten Schönen. Erzählen am Montag im Fitnessstudio, sie seien beim Laufen gewesen.

Das Walross

Mittzwanzigerin mit einem Body Mass Index jenseits der 40, die ihr Leben lang unter Vortäuschung von Menstruationsbeschwerden erfolgreich Sport vermieden hat. Heute liegt sie an einem wenig besuchten Streckenabschnitt – vorzugsweise einer Steigung – auf einer Picknickdecke und frühstückt einen Ochsen am Spieß. Hat für jeden Läufer einen netten Spruch parat, wie zum Beispiel: “Gib doch auf!” oder “Geht das noch langsamer?” oder “Du schaffst es doch sowieso nicht!”

Fehlt ein nerviger Zuschauertyp? Dann tobt Euch in den Kommentaren aus! (In der nachfolgenden Umfrage hat sich ein kleiner Tippfehler eingeschlichen – es muss natürlich “Zuschauertyp” und nicht “Läufertyp” heißen).

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14 Kommentare zu „Die nervigsten Zuschauer“

  1. Daniel sagt:

    Herrlich, vorzüglich und wieder genial geschrieben!!!
    Ich lese gern bei dir :-)

  2. Greetz Folkz!
    Ich schmeiss mich gleich weg, das ist ja der Hammer totlach…..
    aber das Beste daran ist: diese Typen gibt es ja wirklich!

  3. Sebastian sagt:

    Dann hätte ich gerne die Tennismami einmal bitte ..

    Und zum ganzen Artikel … einfach nur Griiiiiinnnnnns

  4. Hannes sagt:

    Eine schöne Übersicht!
    Für mich stehen die Seitenwechsler an der Eins. Noch schlimmer sind die aber eigentlich beim Radfahren.

  5. Eva sagt:

    bauchhaltvorlachen Aua! Aua!

    Ich wollte eigentlich Ende Mai an meinem ersten offiziellen Lauf (nur 5 km) teilnehmen, aber jetzt hab ich Angst. blödel

  6. dauerlaufen sagt:

    Da schließe ich mich an: ANGST ANGST ANGST. Vielleicht bleibe ich doch beim Volkslauf. Da steht keiner an der Strecke.
    Sehr schöne Typen sind dir da gelungen. Ich sehe die Sitcom schon vor meinem geistigen Auge.

  7. Gerd sagt:

    Wer zu Teufel ist Florian Silbereisen??? “lach”
    Ich finde Du hast mal wieder einen traumhaften Bericht abgeliefert. Einfach köstlich. Dafür kriegst Du einen Premium Eintrag in meine Empfehlungen!!
    Einfach Klasse!

  8. Lizzy sagt:

    na, da bin ich scheinbar relativ zufällig über einen fast-Nachbarn gestolpert.

    Ist ja vergleichsweise unterhaltsam hier. Doch ;-)

  9. breiti sagt:

    Klasse, klasse …. ich bekomme ab einer gewissen Phase des Laufes so oder so nix mehr mit und das was ich noch mitbekomme ist i.d.R. suuuuper so viele Fans lol

  10. ultraistgut sagt:

    Wer weiß, was noch übrig bliebe, wenn die oben zitierten nicht mehr an der Strecke stünden !

    Also mich stören gar keine, noch nicht mal die, die von außen meinen den Läufern noch einiges beibringen zu müssen, da schalte ich – so ich noch kann – auf Tribünen-Schritt um und laufe locker, leicht und lächelnd an ihnen vorbei. 8)

  11. ultraistgut sagt:

    Reagierst du eigentlich auch mal auf die Kommentare deiner Leser, finde ich doof, wenn du es nicht tust, das erweckt den Eindruck, als ob du die Kommentare nicht liest, dann muss man auch nix schreiben ! ;)

    • Hallo Margitta,

      ich lese nicht nur alle, ich freue mich auch über jeden einzelnen. Wenn ich eher selten auf Kommentare reagiere, dann deshalb, weil ich finde, dass Meinungen auch mal unkommentiert stehen bleiben dürfen. Das letzte Wort sollen ruhig die Leser haben. Also bitte, bitte fleissig weiterkommentieren ;-)

  12. Eva sagt:

    @Lars: Das ja mal eine liebe/süße/wie auch immer Antwort zu Margitta und allen anderen Bloggern! Och…. freu

  13. Andreas sagt:

    …und da waren noch die Zuschauer mit den Nerv-Spruch-Schildern à la
    Quäl Dich Du Sau!”.

    Den Spruch “Na, tut’s schön weh?” kurz vorm Ziel finde ich da übrigens schon origineller. Meist fehlt einem leider die Kraft, demjenigen mit der Faust…usw. ;-)

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