Verjüngungswahnsinn

“Stimmt irgendetwas nicht?”, faucht die leicht gereizte Partnerin, “Du bist heute Abend so unruhig.” Nun gut, dass ich ungefragt ihre Lieblingssendung – Germany’s Next Total Magersüchtige – aus Sicht des Mannes kommentiere, könnte als störend empfunden werden. Das mache ich aber immer, insofern ist das doch kein Grund, die Krallen auszufahren. Allerdings – jetzt, da sie es sagt, fällt mir mein unablässig wippendes linkes Bein auf. Kein Problem, kurz dem Unterbewusstsein die Kontrolle entzogen und den wackelnden Fuß ruhiggestellt. “Nein, nein.”, antworte ich, “Alles bestens”. Ich werde besser mal ein paar Minuten unterhalb des Radars fliegen, man muss ja keine Beziehungskrise provozieren. Also auf Durchzug schalten.

Das ist aber gar nicht so leicht. Ich finde das Schönheitsideal, das dort transportiert wird, extrem bedenklich. Eva fragte kürzlich, was eine weibliche Figur “schön” macht. Magersucht und Bulimie jedenfalls nicht. Dann ist völlig unklar, wo bei dieser Pro-Ana-Veranstaltung die Sendung aufhört und wo Werbung anfängt. Heidi Klum ist inzwischen für Pro 7 das, was Günther Jauch bei RTL ist. Ob Programmteil oder Reklamepause, ohne Unterbrechung lächelt sie uns steril entgegen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es wirklich sinnvoll ist, dass Minderjährige sich zur Hauptsendezeit vollständig entblößen, um sich fotografieren zu lassen. Was meint denn unsere Kinderpornographieministerin Zensursula von der Leyen dazu? Und zu guter letzt gehen mir die ganzen unglaublich schwulen Typen, die da um unsere Heidi herumspringen, extrem auf den Zeiger. Nichts gegen Homosexuelle, aber es muss doch nicht derart tuckig sein. Immerhin bietet das Format für fast jeden etwas: Teenager-Mädchen können sich in jeder Werbeunterbrechung herzhaft übergeben, und ältere Herren bekommen eine Wichsvorlage frei Haus geliefert.

Habe ich das jetzt alles laut gesagt? Ich fange mir einen bösen Blick von der Seite ein. “Du machst es schon wieder!”. Worte wie Giftpfeile. Aber falsch. Denn jetzt wippt das rechte Bein.

Die Diagnose ist klar. Ich leide an Taper Madness, und zwar im fortgeschrittenen Stadium. In Vorbereitung auf den Wettkampfsonntag habe ich in dieser Woche Trainingsumfang und vor allem –intensität deutlich reduziert. Das führt bei mir zu einer gewissen körperlichen Unruhe. Anscheinend vermisst der Körper die Bewegung. Moment mal – mein Körper vermisst Bewegung? Wie man sich doch auch selbst immer wieder überraschen kann! Weniger Bewegung heißt aber auch weniger Ausgleich zum Rest des Lebens, insofern kann ich eine latente innere Unruhe nicht wirklich leugnen. Und dann bedeutet weniger Training auch weniger Kalorienumsatz, man muss also ein wenig aufpassen, wie viel man isst, um am Wettkampftag nicht über die Startlinie rollen zu müssen. Weniger essen führt zu mehr Hunger, und diese hageren Mädchen zu sehen, bei denen sich die Rippen durch die Haut bohren, macht mich nur noch hungriger. Und Hunger führt bei mir zu mieser Laune…

“Gott sei Dank ist das am Sonntag wieder vorbei”, seufzt die Dame meines Herzens so markerschütternd, dass ich mich wieder einmal wundere, wie man es mit einem langstreckenlaufenden Partner überhaupt aushalten kann. Aber Recht hat sie – am Sonntag ist alles vorbei. Dann darf sie wieder für ein paar Tage den humpelnden, stöhnenden und den Sport verfluchenden Mister Hyde in mir ertragen.

“Lieber Taper Madness als Rinderwahn”, murmele ich. “Oder Schweinegippe”, füge ich hinzu und verziehe mich, ihren irritierten Blick ignorierend, ins Bett.

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4 Kommentare zu „Verjüngungswahnsinn“

  1. Eva sagt:

    Ok, ich gestehe. Klein-Eva-Laufänfanger mußte erstmal “Taper Madness” googeln. Aber ich bin jetzt im Bilde. ähmja
    Dannn drück ich Dir mal die Daumen, daß Du diese Phase bestmöglich hinter Dich bringst!
    Ich hab es noch nicht gefunden/gelesen, aber was läufst du am Sonntag?

    Ich sehe das bzgl. GNTM übrigens genauso. Jedes Extrem (ob zu viel oder zu wenig) geht nicht!

  2. Torsten sagt:

    Das kenn ich von Verletzungs- und Karnkheitspausen, da bin ich auch ziemlich unausgeglichen und nerve alles um mich herum. Irgendwann bekomme ich dafür bestimmt mal die Bratpfanne vors Hirn gekloppt.

  3. Rico sagt:

    Herrlich geschrieben! Ich kenne diesen Zustand zu gut. Dauert zum Glück nur eine Woche. Und dann folgt die Post-Marathon-Depression…

  4. Gerd sagt:

    Es gibt Themen die diskutiert man nicht mit “s”einer Frau. Das tut der Beziehung nicht gut. Alles was mit Schönheitsidealen, Gewicht usw. zu tun hat sollte man unterlassen. Vor allem wenn man selbst noch an “Taper Madness” leidet. ;-)

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