Irgendwann kurz vor dem Aufwachen träume ich von meiner Urgroßmutter. Ihr trotz extensiven Gebrauchs von 4711 bereits zu Lebzeiten schon immer irgendwie leicht modriger Körpergeruch wabert mir in die Nase, als sie mir einen ihrer feuchten Küsse aufzwingt. Der eisige Schauer, der mir daraufhin den Rücken hinab läuft, weckt mich endgültig auf. Das Bild, das mich als Kind einst traumatisierte, ist verschwunden. Doch der Geruch bleibt. Bilde ich mir den ein? Nach vielen Tagen Dauerregen habe ich gestern eine offensichtlich ersoffene Ratte im Rinnstein liegen sehen – hat sich dieser nicht eben schöne Anblick als Geruchsillusion in meine Hirnzellen gefressen? Vielleicht hilft frische Luft. Ich stehe auf – der Geruch wird intensiver. Doch keine Einbildung? In bester Spürhundmanier hebe ich die Nase und schnuppere mich durch die Wohnung. Sicherheitshalber greife ich mir den Regenschirm – falls hier irgendwo ein Zombie vor sich hin verwest, gibt’s aber sowas von auf die Zwölf! Ein erwachsener Mann geht im gammeligen T-Shirt, in Boxer-Shorts, barfüßig und mit einem Regenschirm bewaffnet in seiner Wohnung auf Zombiejagd. Wer hat behauptet, dass Laufen gut für Körper, Geist und Seele ist?
Meine Nase führt mich auf ziemlich direktem Weg ins Badezimmer, und dort zu der Klappkiste, in der getragene Laufklamotten auf den nächsten Vollwaschgang warten. Ich bin nicht Umweltsau genug, um für jede Garnitur aus Hemd, Hose und Socken die gute alte Miele anzuschmeißen. Aber es lässt sich nicht leugnen – der Hauch des Todes hat seinen Ursprung in der giftgrünen Kiste. Allerdings hatte der leidgeprüfte Läufer im regenüberfluteten Südosten Deutschlands in den letzten Tagen keine faire Chance! Der Balkon stand knöcheltief unter Wasser. Und neben der Küche – nun wirklich nicht der Ort für schweißgetränktes und dreckverspritztes Zeug – ist das Bad der einzige sogenannte Feuchtraum (das ist ein Fachausdruck, liebe Charlotte Roche Leser, und hat nichts mit einem Feuchtgebiet zu tun). Leider stammt der Architekt meiner Wohnung offenbar aus dem schönen Schilda, denn das Badezimmer ist fensterlos konzipiert. Meiner bescheidenen Meinung nach sollten Architekten, die innenliegende und damit fensterlose Bäder planen, als erste an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt. Dankenswerterweise wurde zumindest an den Einbau eines brauchbaren Lüfters gedacht, aber den möchte man auch nicht Tag und Nacht hören, mal einmal ganz davon abgesehen, dass der zwar mit Schweißnässe einigermaßen fertig wird, angesichts der allgemein recht hohen Luftfeuchtigkeit von regendurchweichten Textilien aber hoffnungslos überfordert wird. Der langen Rede kurzer Sinn: Es ist rein physikalisch derzeit unmöglich, dass Lauftextilien lufttrocknen, was ihnen im Allgemeinen sonst ganz gut tut.
Während der besagte Lüfter anspringt – und ich bilde mir ein, dabei so etwas wie ein leidendes Ächzen zu hören –, stopfe ich mit immer noch halb geschlossenen Augen meine Funktionsfaserschätzchen in meine altgediente Waschmaschine und biete ihnen entschuldigend ein paar Extra-Verschlusskappen des feinen Spezialwaschmittels an. Den Nachbarn wird es freuen, wenn ihn der spektakuläre Schleudergang meines Waschautomaten Marke “Trümmerfrau” aus dem Bett trommelt. Wahrscheinlich wird er es aber für den Beat des unsäglichen Techno-Gejaules halten, mit dem er mir sonst den letzten Nerv raubt, und sich darüber freuen. Kurze Zeit später verdrängt angenehmer Kaffeeduft die letzten Moleküle des Übelgeruchs aus meiner Nase. Und ich nehme mir vor, meine Laufbekleidung nie mehr so schändlich zu vernachlässigen. In den nächsten Tagen soll das Wetter ja zumindest ein wenig besser werden…
Bildnachweis: Das Bild basiert auf dem Bild Alte-Miele-Waschmaschine.jpg aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Wilfried Wittkowsky.
Schlagworte: Geruch, Gestank, Kolumne, Laufen, Regen, Waschen, Waschmaschine




Der Platzregen hatte den Vorteil, das ich meine Klamotten auf dem Balkon habe waschen lassen. Nach 2 Tagen Dauerregen kam die Hitze. Alles ist trocken und frisch! Ohne Stinken. Schönes Wetter und Maschinenwäsche ist mir aber lieber.
Böse Falle, würd ich sagen. Sehr schnell entstehen im Feuchtraum so Feuchtgebiete
(äh – um es mit Charlottes´ Worten zu sagen)
Aber mit dem (ich sach mal “komischen”) Geruch, den Urgroßleute (Männlein wie Weiblein) so an sich haben, kann ich durchaus was anfangen. Das ging mir ähnlich. Und dann noch diese eckeligen feuchten Schmatzer, die man ertragen musste und sich dem noch nicht mal entziehen konnte, weil das kleine Gesicht zwischen zwei riesigen schrumpeligen Händen eingequetscht war. Oh weh oh weh, ich erinnere mich …
Viele Grüße
Kai
Das mit meinen Kollegen, die innen liegende Bäder planen und vor allem noch umsetzten, unterschreibe ich mit.
Dies wurde übrigens schon vor tausenden von Jahren so praktiziert. Warum heutzutage viele Kollegen wesentlich klüger sind, entzieht sich meiner Kenntnis. 
Ich werde jetzt zwar höchstwahrscheinlich aus der Innung geschmissen, aber gewisse Dinge gehören nun mal zum Grundhandwerk eines Architekten dazu. Und da gehört ein Feuchtraum mit einem Fenster versehen.
Nichtsdestotrotz solltest Du deine Funktionsklamotten ein bisschen fürsorglicher behandeln.