Läufers Ärgernisse (5): Generation iPod

Dieser Artikel ist der 5. von 5 Teilen in der Serie Läufers Ärgernisse

noPodEine Männerfantasie: Beim Großen Preis von Deutschland, dem Formel 1 Rennen auf dem Nürburgring in zwei Wochen, steht Sebastian Vettel, unser Strahlemann aus Heppenheim, dessen identitätsstiftende Wirkung beinahe schon an die von Micheal Schumacher heranreicht, auf der Pole Position, dem begehrten besten Startplatz. Neben ihm lässt Jenson Button den Motor aufheulen, hinter ihm lauert Rubens Barrichello auf seine Chance. Die drei Führenden in der Gesamtwertung auf den ersten drei Startplätzen – eine perfekte Dramaturgie. Die grünen Ampeln leuchten auf und erlöschen wieder, der Start ist freigegeben. Vettel, Button und Barrichello kommen gut weg und reihen sich hintereinander ein. Kurz vor der ersten Kurve bremst Vettel völlig unvermittelt auf Tempo 30 herunter. Button fährt ihm ins Heck, das Aus für beide. Und das nur, weil Sebastian Vettel einen neuen Sender an seinem Autoradio einstellen wollte.

Abwegig? Wie wäre es mit diesem Szenario: In der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals wird am ersten Augustwochenende bekanntlich der Sechstligist Spielvereinigung Neckarelz auf den Rekordmeister FC Bayern München treffen. Eigentlich ist so eine Veranstaltung ja unter dem Niveau der Herren Millionäre, und damit sich die Starkicker nicht langweilen, habe sie alle ihre iPods mitgebracht. Und während die Bayern bei der Bedienung der daumennagelgroßen Geräte an die Grenzen ihrer intellektuellen Belastbarkeit stoßen, schießen die Nordbadener ein Tor nach dem anderen. Als die pomadige Bayern-Führungsriege kapiert, was los ist, und die Ohrstöpsel einsammelt (“Die bekommt ihr erst zurück, wenn Ihr gewonnen habt!”), ist es bereits zu spät: Gegen die aufopferungsvoll kämpfenden Neckarelzer können die hörgeschädigten Großverdiener nur noch auf 15:5 verkürzen.

Zu weit hergeholt? Aber diese Situation kennen wir alle: An einem x-beliebigen Sonntag steht ein Läufer im Startblock eines x-beliebigen, größeren Stadtlaufs. Seine Brötchen verdient er zwar nicht mit dem Laufen, aber er trainiert fast jeden Tag, um mangelndes Talent durch Fleiß auszugleichen. Er gehört nicht zu den Schnellsten, aber auch nicht zu den Langsamsten, meist kommt er ziemlich genau in der Mitte des Felds ins Ziel. Er selbst nennt sich einen Sportler, und hält sich für einigermaßen ambitioniert. Und der heutige Tag fühlt sich einfach nach Bestzeit an. Unser Läufer freut sich, dass sich bei diesem speziellen Lauf das Feld recht schnell auflöst und er sein eigenes Tempo laufen kann. Im Stadtbereich geht es etwas eng zu: Kopfsteinpflaster, die Absperrgitter auf der einen und scharfkantige Straßencafé-Stühle und –Tische auf der anderen Seite erfordern ein Minimum an Aufmerksamkeit. Das überfordert die Läufer mit Ohrstöpseln, denn aus irgendeinem unerfindlichen Grund müssen diese Menschen pausenlos in ihrem Kabelbaum oder am MP3-Player selbst herumnesteln.

Kann man die Teile nicht vor dem Lauf einmal so einstellen, dass alles passt? Bei dieser Herumfummelei muss anscheinend auch der Kopf zur Seite gelegt werden, noch so ein Mysterium der Generation iPod. Und so ergibt sich folgendes Bild: Plötzlich und unvorhersehbar legt eine verkabelte Läuferin (typischerweise recht jung, sehr blond und stark geschminkt) den Kopf zur Seite, nestelt am letzten Weihnachtsgeschenk herum (am liebsten in pink und mit Straß besetzt) und wird dabei deutlich langsamer. Durch die Kopfschieflage gerät sie ein wenig ins Taumeln und rempelt einen anderen Kopfhörerträger (im Trend ist das Modell Disco ‘78) an. Der muss nun natürlich seinerseits mit zur Seite gelegtem Kopf und im Taumeltrab an seinem Billigplayer vom Discounter herumfummeln. Und so setzt sich das Spiel fort, bis schließlich auch ein nicht sonderlich schneller, aber immerhin ambitionierter Läufer empfindlich in seinem Laufrhythmus gestört wird. Vielleicht sogar strauchelt. Oder sich am Ende sogar verletzt.

Wenn Ihr, liebe Schwerhörige von morgen, in irgendwelchen Vorstadtsiedlungen vor Euch hin eiert, stört das niemand. Bei einem Wettkampf geht es aber mitunter etwas eng zu – vor allem laufen da auf einmal Menschen hinter Euch, und die erdreisten sich sogar, Euch zu überholen. Menschen, die Freude am Laufen empfinden und dazu keine Beschallung brauchen. Ist es zu viel verlangt, auf diese Läufer Rücksicht zu nehmen? Bei größeren Laufveranstaltungen sollten wirklich gesonderte Startblöcke für Kopfhörerträger eingerichtet werden, damit die nicht ständig vor dem Feld herstolpern und sich selbst und andere gefährden…

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11 Kommentare zu „Läufers Ärgernisse (5): Generation iPod“

  1. Gerd sagt:

    Ich plädiere für ein Mp3-Player Verbot bei offiziellen Rennen.
    Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, bei einem Rennen ohne Musik zu Laufen.
    Da gibt es so viel zu sehen und hören. Braucht man da wirklich Musik? ;-)

  2. Chris sagt:

    Für mich haben die Musikhörer gerade in engen Startfeldern einen Vorteil: Sie reden nicht! Für mich ist es immer die Hölle, wenn direkt um mich herum mehrere Gespräche gleichzeitig geführt werden. Zum Glück stehe ich immer etwas weiter vorne, damit ich nicht schon am Start dutzende überholen muss (dafür aber tendenziell mittig, um seitlich Platz für Passierwilige zu lassen)

  3. LocalZero sagt:

    Och, die MP3-Junkies stören mich gar nicht so sehr, viel schlimmer finde ich da die Stöckchenhinterherschleifer… :-) … die machen nämlich auch noch Krach …

    Absoluter WorstCase wäre allerdings ein MP3-NordicWalker… /GRUSEL/

  4. Reinhard sagt:

    Wie wahr! Ich denke, wie von Gerd angeregt, bei Rennen sollte es ein Verbot für MP3-Player geben!

  5. MTBTier sagt:

    MP3-Player im Wettkampf?! Wie funktioniert das denn versicherungstechnisch? Ähnlich wie Schmuck und Armbanduhren können die doch zu gefährlichen Verletzungen im Falle eines Sturzes führen. (z. B. Strangulationsgefahr…)

    Persönlich könnte ich gar keinen Outdoor-Sport mit Musik im Ohr betreiben. Ohne akkustisches Feedback von meiner Umgebung habe ich immer das Gefühl, mich nicht 100%ig orientieren zu können.

  6. Christian sagt:

    Ich oute mich mal als MP3-Player-Nutzer auch bei Laufveranstaltungen, allerdings muss ich unterwegs nichts einstellen und meine Verkabelung stört weder mich noch andere, die Musik ist eh meist sehr leise oder oft sogar auch aus, nur für den Fall der Fälle ;-)
    Bei offiziellen DLV Rennen ist der Knopf im Ohr sowieso verboten, laut Reglement !

    Salut

  7. Christian – Hier Mitlesende sind natürlich von jeder Kritik ausgenommen ;-) Und Du bist vermutlich ein so erfahrener Läufer, dass Du nicht kreuz und quer über die ganze Strecke eiern würdest, wenn Du mal an Deinem Player herumfummeln müsstest.

    Dass Ohrstöpsel bei DLV-Rennen verboten sind, war mir bekannt – aber da wird doch (wenn überhaupt) nur bei den Top 10 drauf geachtet.

  8. Hannes sagt:

    Ja, laut den offiziellen Regeln ist es verboten – aber wen interessiert es. Ich verstehe es nicht und kann mir selbst auch nicht vorstellen, beim Wettkampf mit Musik zu laufen. Dazu bin ich einfach zu schnell unterwegs, da stören mich die wackelnden Kabel.

  9. Christian sagt:

    @Hannes

    Ein sehr schneller hier in der Region sehr bekannter Läufer (Deutscher Meister in seiner AK beim Halben) mit Bestzeiten von unter 2:30 auf der Marathonstrecke läuft immer mit MP3-Player 8-) Soviel zu schnell nur ohne :-)

    Salut

  10. Dauerlaufen sagt:

    Es gibt Blödmänner, die noch blöder werden mit iPod, den sie nicht bedienen können. Wenn diese Blödmänner dann im Weg stehen, nicht zur Seite gehen, keine “Vorsicht, rechts laufen!” Rufe hören, dann werden sie richtig scheiße. Klar. Den Umkehrschluss lasse ich jetzt aus Eigenschutz einfach mal nicht zu. Obwohl ich vielleicht nur bei 5% der Läufe Musik höre. Dann aber sehr gerne. Bedienen kann ich ihn auch schon ganz gut…

  11. FastWind sagt:

    Ehrlich gesagt ist mir bis jetzt dieses Taumeln weder bei mir noch bei anderen Läufern mit Musik im Ohr aufgefallen.

    Meistens laufe ich ohne Musik, da ich hören will wie ich laufe und so auch die Natur mehr geniessen kann.

    Aber ich hatte schon manchmal geniale Momente, dem Sonnenuntergang entgegenlaufend und dann gute Chillhouse-Musik auf dem Ohr, da kommen echte Glücksgefühle auf. Und man läuft gleich’n Ticken schneller und leichter.

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