Nehmen wir einmal an, eine Gruppe sesselfurzender Funktionäre hätte 1921 die Marathonstrecke völlig willkürlich auf 37,976 Kilometer festgelegt. Das wäre genau so sinnvoll oder sinnlos wie die – ebenfalls willkürliche und außerdem zufallsbehaftete – Einigung auf 42,195 Kilometer gewesen. Hätte irgendjemand die letzten 4,219 Kilometer vermisst? Vielen Läuferinnen und Läufern wäre die unangenehme Bekanntschaft mit dem sagenumwobenen Mann mit dem Hammer, mit der Wand oder mit einem der vielen anderen Marathongespenster erspart geblieben. Ein Halbmarathon wäre dann nur noch knapp 19 Kilometer lang, und jeder lumpige 10-Kilometer-Lauf wäre schon mehr als einen Viertelmarathon wert. Wer braucht denn schon die letzten zehn Prozent?
Ein wolkenverhangener, verregneter, grauer Tag, an dem es gar nicht so recht hell werden mochte, geht zu Ende. Die Außentemperatur bleibt nur knapp im zweistelligen Bereich, es regnet in Strömen. Die Rede ist nicht vom Herbst in Nordeuropa, sondern vom Hochsommer in einer Region Deutschlands, die so mancher schon nach Südeuropa verorten würde. Ein einsamer Läufer zieht seine Runden – aus irgendeinem Grund hat sein innerer Schweinehund heute nicht einmal einen ernsthaften Versuch unternommen, ihn vom Laufen abzuhalten – dabei hätte das Phantomtier heute eine reelle Chance gehabt, die Oberhand zu behalten. Auf dem Trainingsplan unseres Läufers steht Tempotraining, zehn mal 400 Meter in Wahnsinnsgeschwindigkeit, und er gehört zu der eher selten anzutreffenden Spezies, die daran Spaß hat.
Weit und breit ist niemand zu sehen, kein Wunder, denn bei diesem Wetter würde niemand mit einem Rest von Verstand sich selbst oder auch nur seinen Hund auf die Straße jagen. Einmal von den Gestalten eines Wachdiensts im nahen Gewerbegebiet abgesehen, die einen stark unterbegabten Eindruck vermitteln und zum Rauchen ihre brutal aussehenden Hunde, die auch gut als kleine Ochsen durchgehen würden, mit auf die Straße zerren. Niemand sieht also unseren Läufer, und – noch wichtiger – niemand hört ihn. Denn wenn er sich im Intervalltraining quält, kann das schon mal laut werden. Je nach Sozialisation könnte das ungeübte Ohr die Geräuschkulisse für einen schlechten 70er-Jahre-Porno, eine alte Dampflokomotive auf dem Weg zum Schrottplatz oder eine Rammstein-Coverband bei ihrer ersten Probe halten. Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt, sagen die US Marines, und unseren Läufer verlässt die Schwäche vorzugsweise über die oberen Atemwege.
Vierhunderter um Vierhunderter prügelt der Läufer in den Asphalt seiner 800-Meter-Runde. Trotz Sauwetter läuft es überraschend gut, er kann sich nicht erinnern, 400 Meter schon einmal schneller gelaufen zu sein. Wahrscheinlich läuft er sich die frustrierende Regenerationswoche aus der Seele. Und dann, im letzten Intervall, geht nicht mehr viel, er bleibt weit über den Zeiten der vorangegangen Runden. Heißt das nun, dass das Training genau richtig dosiert war – nach dem Motto “erst im letzten Intervall eingebrochen”? Oder waren Umfang oder Intensität eine Spur zu hoch? Wie auch immer – die letzte Verschärfung hätte nicht mehr sein müssen. Oder gerade doch? Sind die letzten Trainingskilometer wirklich die wertvollsten? Oder ist die Herumtaumelei irgendwann nur noch peinlich und bringt nicht einmal mehr etwas? Wer braucht denn schon die letzten zehn Prozent?
Natürlich kennen wir alle die Antwort. Und genau wegen dieser zehn Prozent war ich heute draußen…
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Lars, warum tust Du Dir das an, wenn Du die letzten 10 Prozent nicht brauchst ?
Ne, im Ernst, Du machst Intervalle gerne ? Aber nicht auf der Bahn, oder doch ? Falls Du beide Fragen bejahst, Respekt !!
Salut
Oh, damn! Das würde ich zu gern mal hören; das Rammstein-Cover.
Auch von mir: Hut ab, Du Schweinehund-, Runden-,Tempotraining-, Mistwetterbezwinger!
Du bist doch Masochist, sonst könnte Dir das nicht derart gefallen, richtiggehend Schmerzen zu haben.
Dann brech doch alle deine Rennen nach 90% der Strecke ab, Gründe deinen eigenen Verband und stelle inoffizielle Rekordzeiten auf
– gegen den Strom schwimmen, wie wäre das!
Problem würde es dann nur bei einem Triathlon geben – kannst ja nicht früher aus dem Wasser oder von der Radstrecke.
Schön, dass du Spaß am Sprinten hast – ich hasse es
Lauf doch einfach Ultra, da ist bei 39 km gelgentlich erst die Hälfte erreicht und du brauchst noch nicht an die letzten 10 % denken, sondern darfst noch eine Weile weiter laufen.
Christian – Ich kann Dich teilweise beruhigen: Ja, ich mag Intervalle. Aber nein, ich mache sie nicht auf der Bahn. Erstens habe ich keine in Laufreichweite, und zweitens kann ich mir nichts Langweiligeres vorstellen. Ich frage mich immer, warum 10000-Meter-Läufer oder diese Stundenweltrekord-Typen nicht vollständig am Rad drehen…
Eva – Ja, ich stehe auf den Quäl-Dich-Faktor…
Ruben – Mit der Verbandsmeierei habe ich es nicht so. Das überlasse ich anderen…
Jöörg – Superplan