Montag, halb zehn in Deutschland
Innerhalb von gut 60 Stunden bin ich um mindestens 30 Jahre gealtert. Als ich am Freitag Abend das Büro verließ, war ich noch so um die 40 und stand mitten im Leben. Als ich heute Morgen in der Drehtür stecken blieb, weil mir nach einer Achteldrehung die Kraft ausging, muss ich zwischen Mitte 70 und scheintot gewesen sein, nur mehr ein sabbernder Lappen, ein Schatten meiner selbst. Vermutlich wollte mich der kleine, immer etwas schwindsüchtig aussehende Auszubildende gar nicht demütigen, als er mir anbot, mich zu stützen. Nur zu gerne hätte ich das Angebot angenommen, aber ein letzter, kleiner Funken Stolz verbot es mir. In einem der Büros kicherten wie jeden Morgen die Azubinen und Praktikantinnen herum. Üblicherweise täuschen die Damen Arbeit vor, sobald jemand den Raum passiert. Heute wurde das Kichern zum Gelächter, und in meinem Rücken fielen mehrfach die Worte “Grandpa Simpson” und “Mr. Burns”. Eigentlich wollte ich mich abrupt umdrehen und den Mädels meinen Respekt einflößenden Blick zuwerfen, knickte dabei aber in der Hüfte ein und musste mich an der Wand abstützen, während mir ein dünner Speichelfaden aus dem Mundwinkel lief.
Unter unbeschreiblicher Kraftanstrengung erreiche ich mein Büro und lasse mich in den Drehstuhl fallen. Kaum sitze ich, erscheint ein junger Mitarbeiter in der Tür, wie fast jeden Montag sieht er vom Wochenende, nun ja, etwas mitgenommen aus. “Morgen”, sagt er und beginnt über beide Ohren zu grinsen. “Auch auf der Wiesn gewesen?”, fragt er und wirft mir unaufgefordert eine Packung Aspirin zu, die mich an der Stirn trifft, weil meine Reaktionsgeschwindigkeit mehr als nur leicht herabgesetzt ist. Daraufhin fluchtartig mein Büro verlassend faselt der junge Mann noch etwas von Kaffee. Eigentlich keine ganz schlechte Idee, aber bevor ich mich in die Teeküche schleppen kann, muss ich erst wieder zu Kräften kommen. Und die Blutung auf der Stirn stillen. Schon erscheint wieder ein Gesicht in der Tür, der erfahrene Kollege erfasst die Situation mit einem einzigen Blick und fragt nur leise: “Bestzeit?” Ich nicke schwach und lege den Zeigefinger auf die Lippen. Bitte nicht weitererzählen soll das heißen, mir fehlt die Energie, von meinen Heldentaten zu berichten.
Lerne zu leiden ohne zu klagen
“Eine Marathonvorbereitung ist das Gesündeste, was Ihnen jemals passieren wird”, lügt uns die Läuferbravo immer wieder gebetsmühlenartig vor. Das ist natürlich völlig richtig – sofern man beabsichtigt, die 42 Kilometer gemütlich spazieren zu gehen und eine Veranstaltung findet, bei der das Ziel nicht schon nach lächerlichen acht Stunden geschlossen wird. Ehrenrührig ist das selbstverständlich nicht, aber wenn sie sich schon an die klassische Distanz heranwagen, möchten viele Läufer dabei auch eine – aus ihrer persönlichen, subjektiven Sicht – passable Zeit erzielen und überdies beim Zieleinlauf auch noch halbwegs menschenwürdig aussehen. Einmal davon ausgehend, dass jeder einigermaßen gesunde Mensch 42 Kilometer am Stück per pedes zurücklegen könnte, wenn man ihm oder ihr denn nur genug Zeit dazu gäbe, geht es in der Marathonvorbereitung deshalb vor allem um zwei Dinge: Tempohärte, also ein relativ hohes Tempo sehr lange halten zu können, und – damit einhergehend – Leidensfähigkeit, also sehr lange leiden zu können ohne dabei all zu laut klagen zu müssen.
Eine ebenso abgegriffene wie einleuchtende Läuferweisheit besagt, dass man Laufen nur beim Laufen lernt – schnelles Laufen mithin also nur beim schnellen Laufen. Und so bitter es auch klingen mag, die eigene Leidensfähigkeit lässt sich nur verbessern, indem man eben leidet. Nun ist Leiden ohne zu laufen zwar denkbar – je nach persönlicher Neigung könnte man sich zum Beispiel wahlweise das Musikantenstadl anschauen, eine Frikadelle ans Knie nageln oder von Edmund Stoiber den Weg zum Münchner Flughafen erklären lassen –, aber wenn man ohnehin schon viel durch die Gegend rennt, kann man dabei ja auch gleich bis an die individuelle Jammerschwelle (IJS) gehen; das spart Zeit. Ein Freund hat das vor vielen Jahren einmal so ausgedrückt: “Du musst bis ans Limit gehen – und da alles geben!” (Übrigens mit allerfeinster Dieter-Bohlen-Stimme; das ist zwar schone lange her, aber Derdieda hat damals schon sein Unwesen getrieben).
Der Wohlfühlmythos
Gerüchteweise hört man ja, dass Laufen ohne zu leiden möglich sein soll. Klar, und Chiara Ohovens Lippen sind echt! Aufpassen: Wie gut würden sich denn Laufschuhe verkaufen, wenn die Werbung Klartext spräche? Laufen tut weh, Laufen lässt schneller altern, Läufer sind Soziopathen. Die Marketingstory muss natürlich anders lauten: Laufen ist leicht, Laufen ist gesund, Läufer sind die besseren Liebhaber. Und weil wir seit unserer frühesten Kindheit erwarten, dass jede Geschichte mit “glücklich bis ans Lebensende” endet, tauchen wir in die schöne, schmerzfreie Marketingwelt ein, fühlen uns dort wohl und beiden Seiten ist gedient. Win-Win-Situation. Am Ende des Tags werden wir aber einsehen müssen, dass die weichgespülte Wellness-Welt, dieses WWW der Frauenzeitschrift-Leserinnen und -Leser, uns vielleicht total entspannen und unheimlich gut riechen lässt, aber nicht ein Jota Tempohärte oder Leidensfähigkeit bringt.
Es ist kein großes Geheimnis, dass mich etwa 99 % der Weltbevölkerung nicht gerade in die Kategorie Feingeist einstufen würden. Medizin muss für mich bitter schmecken. Training muss mir weh tun. Und viel hilft viel. Unter Wohlfühltempo – wieder so ein Begriff, der den Hirnwindungen irgendeines Marketingfuzzis entflohen sein muss – verstehe ich die Drehzahl der Waschmaschine, bei der sie die Aprilfrische in die Laufklamotten knetet. Wohlfühlen beginnt nach dem Training, wenn der Schweiß auf den Boden tropft, man langsam wieder zu Atem kommt und in jeder Muskelfaser spürt, dass man etwas geleistet hat. Untertouriges Herumschlurfen ist wenig zielführend, wenn das Ziel nicht gerade Zeit vergeuden heißt. Junk Miles nennt die Fachliteratur diese völlig sinnfrei zurückgelegten Kilometer. Wie soll man denn bitte mit den Strapazen eines Langstreckenlaufs zurechtkommen, wenn man sich im Training nicht einmal annähernd auslastet. Qualität, und auch dieser Spruch ist zugegebenermaßen etwas ausgelutscht, kommt nun einmal von Qual. Wenn ein Training gut war, kann ich den Rest des Abends nur noch auf dem Sofa verbringen. Ein sehr gutes Training spüre ich mindestens bis zum nächsten Mittag in den Beinen. Und wenn sich das gefühlte Alter erst zur Wochenmitte hin wieder um das tatsächliche Alter einpendelt, liegt ein großartiges Trainingswochenende hinter mir.
Wird fortgesetzt…
Schlagworte: gefühltes Alter, Kolumne, Laufen, Leidensfähigkeit, Marathon, Qual, Tempohärte, Training, Wellness




Wunderbar!!
Schinderei beim Sport darf… nein… muss sein! Ganz meine Meinung!
Hätte da noch zwei tolle Phrasen, deren Einflechtung in den Artikel von Dir vergessen wurde:
1. Schön, wenn der Schmerz nachlässt.
2. Scheitern beginnt im Kopf.
Oder zu meinem Trainingsmotto zusammen gefasst:
Solang’s Spaß macht, darf’s auch weh tun.
So long
das MTBTier
Jammere nicht, du willst es so
Es gibt bestimmt viele Wege, die zum Ziel führen. Hauptsache, man fühlt sich gut dabei. Wer schlecht regeneriert kann Deine Methode eher nicht anwenden. Wenigstens lernst Du so das Leiden richtig kennen und begrüsst es beim Wettkampf als Freund.
Ich bin mir jetzt nicht so sicher, ob Absatz 1 und 2 fiktiv sind oder auf kürzlich erlebten tatsächlich Ereignissen beruhen.
Falls letzteres der Fall sein sollte: Glückwunsch zur PB – wobei auch immer
Auf jeden Fall ist’s wieder schön geschrieben und ich freue mich auf die Fortsetzung.
Einfach nur klasse geschrieben… Mit einem Schmunzeln im Gesicht gelesen und dieses Schmunzeln werde ich wohl gleich auch auf meinen Morgenlauf mitnehmen… Auf diese Fortsetzung freu ich mich…
Ich rätsel auch ein wenig, ob du es nun wirklich gepackt hast … ich gratuliere dir mal vorsichtshalber! Der Artikel ist auf jeden Fall wieder einmal herrlich geschrieben … Leid muss definitiv sein, aber warum jammerst du hier so viel? Tztz …
Hach, Lars! Wenn Du wüßtest, wie sehr Lachen wehtun kann. Auch, wenn ich im Moment nicht laufend leiden kann, ich leide lachend mit Dir mit, Du Held, ja?
Ich gratuliere jedem, der es schafft, trotz Seitenstechen, schweren Beinen, etc. weiter zu machen. Bei mir sind solche Probleme, Schmerzen und “Warum mach ich das eigentlich?” immer die Gründe, warum ich trotz aller guten Vorsätze dann doch nicht regelmäßig Laufen gehe.