Der Krampf geht – das Grinsen bleibt (1)

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Der München Marathon 2009

München Marathon 2009 StartIm Herbst des Jahres 2005 machte ich einen Studenten glücklich, als ich ihm meine Startnummer für den Frankfurt Marathon überließ. Aufgrund einer Verletzung musste ich damals die Vorbereitung abbrechen. Fast genau drei Jahre später verhinderte wieder eine Verletzung meinen Start beim Köln Marathon 2008, die Startnummer wurde nie abgeholt. Dazwischen, in den Jahren 2006 und 2007, verschwendete ich keinen einzigen Gedanken an einen Marathonstart, weil ich entweder verletzt oder völlig außer Form oder beides war. Als ich dann vor knapp vier Wochen, am Freitag vor dem München Marathon, meine Startunterlagen im Olympiapark abholte, war ich also schon weiter gekommen als jemals zuvor. Allein diese Tatsache zauberte vermutlich schon ein Lächeln in meine vom harten Training verzerrte Fratze.

Nachdem ich auch den Samstag gesund überstanden hatte, am Sonntag ohne größere Zwischenfälle in den Startbereich gelangt war und mich darüber hinaus auch noch den Umständen entsprechend gut fühlte, spielte ich kurz mit dem Gedanken, einfach umzukehren. Die mysteriöse Verletzung zwickte zwar immer noch ein wenig im rechten Fuß, aber davon einmal abgesehen war in diesem Jahr und in der Marathonvorbereitung alles fast schon zu glatt gelaufen. Jetzt und bei bestem Laufwetter tatsächlich am Marathonstart zu stehen war einfach zu gut, um wahr zu sein. Von hier an konnte es doch eigentlich nur noch bergab gehen – freilich rein metaphorisch gesprochen. Merkwürdigerweise plagten mich zu keiner Zeit Zweifel der Art, ob ich die Strecke überhaupt bewältigen könnte – und das obwohl mein längster Lauf bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal über drei Viertel der Marathondistanz geführt hatte. Ich fragte mich eigentlich nur, in welchem Zustand ich im Ziel ankommen würde und verspürte ausnahmsweise recht wenig Lust, mich zu quälen. Und dann war da ja noch diese fixe Idee, das Olympiastadion innerhalb der magischen 14.399 Sekunden erreichen zu wollen…

Ausstiegsoption

Aber war ich allein in der heißen Vorbereitungsphase mehr als 900 Kilometer gelaufen, um jetzt den Weg des geringsten Widerstands zu gehen? Hatte ich in diesen knapp 90 Stunden vermutlich weit mehr als 100 Liter Schweiß vergossen, um jetzt zu kneifen? War ich beim Tempotraining unter sengender Sonne beinahe kollabiert, war ich stundenlang im strömenden Regen herumgerannt, um jetzt wegzulaufen? Und wie sollte ich so etwas meinen treuen Bloglesern beichten? Diese Marathonvorbereitung mag ja das Gesündeste gewesen sein, was ich in meinem Leben je getan habe (oder noch tun werde) – aber es wäre schlicht und einfach gelogen, zu behaupten, dass es immer und ausschließlich nur Spaß gemacht hat. Sich auf einen Marathon vorzubereiten ist kein Kindergeburtstag und kein Picknick, es ist auch harte Arbeit! Zumindest dann, wenn man auch nur einen Funken sportlichen Ehrgeizes besitzt. Um 42 Kilometer spazieren zu gehen braucht ein halbwegs gesunder Mensch kein Training.

Das schöne an einem Rundkurs, noch dazu in der Heimatstadt, ist die Ausstiegsoption, die zum Beispiel auch bei Pienznäschen schon einmal diskutiert wurde: Ich könnte ja jederzeit aufhören und mit U- und S-Bahn innerhalb weniger Minuten nach hause fahren. Dieser Gedanke im Hinterkopf wirkt unglaublich motivierend – gerade weil man ja eben nicht aussteigen will. Und so reiht man sich dann doch noch ein – in die Schlange vor dem erstbesten Dixieklo. Es ist völlig egal, wie lang ein Wettkampf ist. Es ist völlig egal, um welche Uhrzeit ein Wettkampf stattfindet. Und es ist völlig egal, was ich wann davor trinke – zwei mal muss ich vor dem Start immer Wasser abschlagen. Und das Olympiagelände ist zwar schön angelegt, aber nicht eben dicht bepflanzt, so dass nur der Gang in diese blauen Plumpsklos bleibt, will man einen Rest Würde bewahren.

Angenehm unaufgeregt

Der München Marathon zählt zwar mit rund 10.000 Startern wohl zu den größeren Veranstaltungen, ist aber eben auch keiner der ganz riesigen Massenevents. Die Atmosphäre vor dem Start ist angenehm unaufgeregt, es gibt kein Gedränge und kein Geschiebe, denn das Areal ist sehr weitläufig und bietet reichlich Platz. Gestartet wird in zwei Blöcken (Zielzeit bis 3:45 h und darüber), und auch hier geht es sehr gesittet zu, so dass ich erst Sekunden vor dem Startschuss in meinen Block schlüpfen muss. Der Plan ist einfach: Die ersten 15 Kilometer genau im Vier-Stunden-Tempo angehen, das macht 5:40 Minuten pro Kilometer. Dann langsam auf 5:30 min/km steigern und dieses Tempo so gleichmäßig wie möglich bis zum Ende durchlaufen. Das würde eine Zielzeit von unter 3:55 h und einen schönen negativen Split bedeuten. Und solange ich die gelben Luftballons mit der Aufschrift “4:00” im Rücken habe, ist alles in bester Ordnung.

Das Sightjogging beginnt, nach Wochen und Monaten des Trainings fühlt sich das Starttempo leicht und locker, fast schon langsam und untertourig an. Ich muss mich etwas bremsen, um nicht zu schnell anzugehen. Vom Olympiapark geht es gleich nach Schwabing hinein. Was in Mainz die Karnevals- ist hier übrigens die Blasmusik. Schon nach wenigen Hundert Metern höre ich die erste Tuba tröten, noch wirkt das motivierend. Partystimmung am Abzweig auf die altehrwürdige Ludwigstraße, ein Radiosender heizt die nicht wenigen Zuschauer an. An dieser Ecke, so will es die etwas eigenwillige Streckenführung, kann man die Läufer gleich drei mal sehen – noch ganz frisch bei Kilometer 2,5, praktisch unverbraucht bei Kilometer 5,5 und fast ganz am Ende bei Kilometer 37,5. Ich bin dann gleich wieder da!

Sightjogging

Das Siegestor 1854Die Streckenbeschreibung liest sich fast wie das Programm einer Stadtrundfahrt: Durch das Siegestor, Blaskapelle Nummer Zwei, vorbei an der Universität. Nach nicht einmal vier Kilometern befindet sich kurz vor der Altstadt der erste Wendepunkt. Blöd. Immerhin kann ich mich so überzeugen, dass die beiden Vier-Stunden-Zielzeitläufer noch hinter mir sind. Verpflegung, Universität, Blaskapelle Nummer Zwei Reloaded, Siegestor, Party, Abzweig in Richtung Englischer Garten. Diese ersten gut fünf Kilometer liefen schon einmal völlig problemlos. Für eine Weile ist die Strecke wenig spannend, denn sie führt aus mir unerfindlichen Gründen nicht durch den Park, sondern neben ihm her. Nun gut, im Englischen Garten ist es auch nicht viel spannender, aber zumindest grün und man läuft mal ein paar Kilometer nicht auf Asphalt. Auch sehr angenehm. Am Nordende des Parks, beim Aumeister Biergarten, ist ein Viertel der Strecke geschafft. Mir geht es gut. In dem Tempo kann ich das Ding auf jeden Fall zu Ende laufen, der Puls befindet sich immer noch am unteren Ende des Zielbereichs. Ha! Ein Marathon sind eben doch nur Vier mal Zehn plus ein Bisschen!

Auf dem Rückweg durch den EG, wie wir hier manchmal sagen, steigt die Herzfrequenz langsam an, aber das war zu erwarten. Ich muss mich ein klein wenig mehr anstrengen, um das Tempo zu halten. Am Chinesischen Turm, von den Einheimischen “Kinaturm” ausgesprochen, bei Kilometer 15 soll ich das erste Gelpack zu mir nehmen – und beschleunigen. Ich mache die Augen zu, quetsche mir den ekligen Schleim in die Mundhöhle und versuche, ganz fest an die Wirkung zu glauben. Erwartungsgemäß ist auch am Chinaturm richtig gute Stimmung, aber mit dem Ausgang aus dem Englischen Garten beginnt der langweilige Teil der Strecke, der glücklicherweise nur knapp 15 Kilometer lang ist. In den noblen Wohnvierteln Bogenhausens verirren sich nur wenige Zuschauer an die Strecke, Sonntagsradfahrer versuchen fluchend zwischen den Läufermassen die Straßenseite zu wechseln.

Fortsetzung

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1 Kommentar zu „Der Krampf geht – das Grinsen bleibt (1)“

  1. Hannes sagt:

    Du hast ernsthaft vor dem Start noch so lange überlegt, ob du nicht einfach wieder verschwinden solltest, ohne zu starten? Heftig.

    Zum Glück bist du dann ja, nach den bisherigen Versuchen, endlich erfolgreich gestartet.

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