Der Krampf geht – das Grinsen bleibt (2)

Dieser Artikel ist der 2. von 3 Teilen in der Serie München Marathon 2009

Nach hause – telefonieren

München Marathon 2009Zwischen Kilometer 18 und 19 liegt der vermeintlich kritischste Teil der Strecke – von hier aus kann ich mein Büro fast sehen, bis nach hause wären es nur wenige Minuten Fußweg. Während ich aber so durch Oberföhring trabe, verschwende ich daran keinen Gedanken. Die leichte Steigung auf dem Rückweg durch Bogenhausen ist mit dem Auge kaum wahrnehmbar, dafür aber in den Beinen um so deutlicher zu spüren. Zudem ist die Strecke hier unheimlich eintönig, an der breiten Straße verlieren sich die wenigen Zuschauer. Dafür motiviert die Halbmarathonmarke ungemein, ein Blick auf die Uhr noch mehr: Ich liege mehr als 90 Sekunden unter meiner Vorgabe. Nur noch ein Halber, und es ist vollbracht. So langsam beginnt mich aber die Streckenführung zu nerven: München hat nun wahrlich schönere Ecken zu bieten als die A94, den Straßenbahn-Betriebshof, die S-Bahn-Stammstrecke und Gewerbegebiete.

Während ich tatsächlich ein paar Läufer einsammle, die sich auf der ersten Hälfte anscheinend übernommen habe, fällt mir auf, wie viele Läufer während eines Marathons telefonieren. Das wirft natürlich Fragen auf. Selbst die paar Gramm, die so ein Mobiltelefon wiegt, sind unnötiger Ballast. Ich hatte mich nach penibler Befragung meiner Briefwaage gegen das Startnummernband und für vier kleine Sicherheitsnadeln entschieden, um auch wirklich jedes mögliche Zehntelgramm einzusparen. Ist wirklich irgendjemand so wichtig, dass er selbst für wenige Stunden am Sonntagvormittag permanent erreichbar sein muss? Gibt es wirklich so viele werdende Väter, deren Frauen in den Wehen liegen, während sie selbst sich beim Marathon amüsieren? Muss man wirklich alle fünf Kilometer bei Mutti anrufen und einen Lagebericht abgeben. Sind es einfach Angeber, die zeigen wollen, wie viel Luft sie noch haben? Ganz ehrlich: Wer nur kurz vor oder sogar hinter mir läuft, hat keinen Grund, anzugeben. Oder empfangen diese Topathleten Geheimtipps von ihren Trainern, die im Hubschrauber über dem hinteren Teil des Felds kreisen? Nicht einmal beim Laufen bleibt man jetzt Wichtigtuern verschont, die mit ihrem belanglosen Verbaldurchfall die Umwelt verschmutzen.

Westwind

Ich rege mich allerdings nicht lange auf, denn die Strecke knickt jetzt nach rechts in Richtung Westen ab, was an sich kein Problem darstellt. Nur dummerweise herrscht offensichtlich Westwind. Zwar nur ganz leicht, aber nach 24 Kilometern spürt man eben auch den. Gewerbegebiet, Gegenwind und minimale Steigung schlagen mir irgendwie aufs Gemüt. Das Lächeln, dass ich bisher durch die große Stadt getragen habe, bröckelt mir Stück für Stück aus dem Gesicht. Verpflegungsstation, noch 17 Kilometer. 17 Kilometer – wenn so etwas im Trainingsplan stünde, würde ich mir keine Gedanken machen. Aber heute merke ich, dass die 5:30 min/km eine schöne Illusion waren, dieses Tempo werde ich nicht bis zum Ende durchhalten können. Der Ostbahnhof zur Rechten ist auch nicht wesentlich interessanter als das Gewerbegebiet, das wir gerade verlassen haben. Aber bis zur Innenstadt sind es nur noch ein paar Kilometer, und von da aus ist es nicht mehr weit…

Auf einer dieser nicht sonderlich interessanten, dafür um so breiteren Einfallstraßen geht es zurück in Richtung Sehenswürdigkeiten. Ich quäle mich an Gasteig, Müllerschem Volksbad, Deutschem Museum und Isartor vorbei. Ich muss kurz die Orientierung verloren haben, denn ich bin etwas überrascht, als ich auf den Marienplatz laufe. Menschenmassen. “Mit der 182 Lars aus Unterföhring”, höre ich den Moderator auf dem Stahlrohrpodest sagen. So etwas zündet natürlich den Turbo. Für ein paar Sekunden. Kurzer Abstecher zum Sendlinger Tor, Kilometer 30 ist erreicht, nur noch Zwölf. Zwölf Kilometer – für weniger schnüre ich doch normalerweise gar nicht erst die Schuhe. Noch einmal ein Bad in der Menge auf dem Marienplatz, kurzer Motivationsschub, nach Norden hinaus, vorbei an der Theatinerkirche und der Feldherrnhalle, über den Odeonsplatz auf die Ludwigstraße – mit Blick auf das Siegestor. Ab jetzt ist jeder Schritt ein neuer Distanzrekord – und ich fühle mich den Umständen entsprechend noch ganz gut.

Der Mann mit dem Hammer ist aus Wackelpudding

Kurz nach der ehemaligen Wendemarke biegen wir nach links ab, durch das Studentenkneipenviertel geht es in Richtung Pinakotheken. Ein paar Hundert Meter lang Gegenverkehr, und von den Menschen, die da so ungefähr eine 3:40er-Zeit anpeilen dürften, sehen nicht mehr alle appetitlich aus. Vor der Technischen Universität links, dann noch einmal links in eine ebenso hässliche wie sinnfreie Schleife, die wahrscheinlich genau die ominösen 195 Meter zur Strecke beiträgt. Dann in Richtung Königsplatz und plötzlich: Kopfsteinpflaster. Nicht schlimm, oder? Aber mit knapp 35 Kilometern in den Beinen läuft sich das wie auf Eiern. Mich bricht es. Komplettes Motivationsloch. Keine Lust mehr. Ich kämpfe, aber es fühlt sich so an, als ob ich mich überhaupt nicht mehr vorwärts bewege. Wie in Wackelpudding gegossen. Das muss der Mann mit dem Hammer gewesen sein, die dumme Sau.

Wie in Zeitlupe laufe ich um Glyptothek, Königsplatz und TU herum. Meine Schultern tun weh, dieser krampfartige Schmerz macht mich fast verrückt. 35 Kilometer sind geschafft, ich werde immer langsamer, aber wenn ich die letzten sieben Kilometer im Sechser-Schnitt laufen kann, bleibe ich knapp unter vier Stunden. Wieder Gegenverkehr. Ich sehe die gelben Ballons mit der “4:15” darauf. Und viel Elend. Ich quetsche das dritte und letzte Gelpack in mich hinein, die Hälfte sabbere ich sofort wieder heraus und verende fast an einem Hustenanfall. Meine Beine fühlen sich an wie die des Marshmallow-Man, die Schmerzen in Schultern und Nacken machen mich wahnsinnig, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Ich habe große Lust, mich einfach an die Bordsteinkante zu setzen, zu lächeln und den anderen Läufern zuzuwinken. Ich bin weiter gelaufen als jemals  zuvor. Muss ich denn irgendwem – mich eingeschlossen – noch irgendetwas beweisen?

Kein Bier vor Vier!

Verpflegungsstation, Blaskapelle Nummer Zwei Reloaded Revisited, Siegestor. Das Zuschauerspalier wird dichter. Ich versuche, irgendwie würdevoll auszusehen. Ich habe die leise Ahnung, dass es mir nicht gelingt. Zum dritten mal geht es an der Partyecke vorbei, ich nehme nur nebulös wahr, dass zwei Moderatoren mit Mikrofonen auf der Strecke stehen und die Läufer einzeln anfeuern. Lass mich bloß in Ruhe, Du Club-Med-Animateur! Nicht mal mehr fünf Kilometer. Die Vier-Stunden-Marke wackelt allerdings, ich kann selbst den Sechser-Schnitt nicht mehr halten. Egal. Links abbiegen. Biermeile. Es gibt Weißbier, hoffentlich alkoholfrei. Auch Wurscht, ich greife einen Becher, vielleicht bringt das irgendetwas. Ich nehme einen Schluck, der kommt sofort zurück, ich werfe den Becher samt Weißbier achtlos zur Seite. ‘Tschuldigung! Hinter mir berlinern zwei Wichtigtuer herum: “In München gehört das einfach dazu”. Klar, und alle Berliner fixen am Bahnhof Zoo. Hauptstadtidioten. Kilometer 39 ist länger als die 38 davor zusammen. Ein Mann mit einem “4:00”-Luftballon überholt mich. Dann noch einer. Adieu, sub-4! Motivation sub-0.

Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich überhaupt noch laufe. Eine Verpflegungsstation! Das wäre doch eine gute Stelle, um einfach auszusteigen und zu warten, bis eine Straßenbahn vorbeikommt. “Sieht gut aus, Lars!” Irgendwoher ist Piet, mein Trainer, aufgetaucht. Nicht einmal in Ruhe aufgeben kann man hier. “Sieht gut aus am Arsch”, grantle ich zurück. “Einfach im Rhythmus bleiben”, bleibt Piet sachlich. Wovon träumt der Hungerhaken denn nachts? Was für ein Rhythmus? “Ich hab’ keine Lust mehr”, maule ich zurück. “Das hat auch nichts mehr mit Lust zu tun”, brüllt er mich an, “das spielt sich jetzt nur noch im Kopf ab!” Jetzt? Das spielt sich schon seit einer Stunde oder so nur noch im Kopf ab, vom Rest des Körpers weiß ich eigentlich gar nicht so genau, was der so treibt. Und ich will es auch gar nicht wissen. Ich biege nach rechts ab und sehe das Schild. Eine große Vier und eine große Null. 40 Kilometer! Komm, Alter, der Rest geht jetzt auch noch!

Fortsetzung

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6 Kommentare zu „Der Krampf geht – das Grinsen bleibt (2)“

  1. Stefan sagt:

    Fortsetzung folgt…

    Och Mann – grad’ jetzt wo’s spannend wird… ;-)

    (Auch wenn mir das Ergebnis schon bekannt ist)

  2. breiti sagt:

    erstmal Glückwunsch, wann geht der tolle Bericht weiter ????

    Bitte, bitte !!! :-)

  3. Evchen sagt:

    Du Aas! Ich kenne ja den Ausgang, aber der Cut ist grausam. Ich glaube, ich schmolle Deine nächsten 3 Posts lang. Päh!

  4. Ja, ja, ja, so ein wenig Spannung darf ich doch auch mal aufbauen, oder? Die drei Beiträge waren auf jeweils vier Stunden Abstand terminiert…

  5. Hannes sagt:

    lach Herrlicher Disput zwischen dir und deinem Trainer ;)

    Und Marathon-Läufer mit Handy am Ohr – das habe ich auch noch nicht erlebt O.o

  6. Laufsachen sagt:

    “Motivation sub-0″ sehr schön gesagt im Läufersprech :-) . Man bekommt einen Eindruck davon, wie schwer die letzten Kilometer wirklich sind. Als Zuschauer bekommt man diesen Kampf nicht wirklich mit. Respekt vor Deiner Leistung und der der anderen Marathonis…

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