Im Olympiastadion
Irgendetwas stimmt hier nicht. Der Vier-Stunden-Zielzeitläufer ist weit vor mir, aber meine Uhr zeigt bei 40 Kilometern nicht mal 3:45 Stunden. Toller Zugläufer, der seine Meute unter der Vorgabe ins Ziel hetzt. Ich bin schon längst wieder auf dem Olympiagelände von 1972 unterwegs, bezeichnenderweise auf dem Spiridon-Louis-Ring – benannt nach dem Sieger des ersten olympischen Marathonlaufs. Ich lege einen relativ schnellen, wenngleich harten 41. Kilometer hin. Durch ein Megafon verkündet jemand mit monotoner, langsamer, getragener Stimme: “Nur noch 1100 Meter. Nur noch bergab.” Immer und immer wieder sagt er es, und tatsächlich, die Suggestion bewirkt, dass ich wirklich glaube, bergab zu laufen. Rechts von mir türmt sich das Olympiastadion auf. Von irgendwoher dröhnt laute Diskomusik. Die Strecke knickt nach rechts ab.
Und schon bin ich im großen Marathontor. Laute Musik. Bunte Diskobeleuchtung. Fotografen. Endorphinstoß. Gänsehaut. Ich reiße beide Arme nach oben. Am anderen Ende des Tunnels sind das Grün des Rasens und das Rot der Tartanbahn zu erkennen. Die Ränge sind leer, der Rasen voller erschöpfter Läufer. Ich spüre die Kunststoffbahn unter meinen Füßen, und dann spüre ich sie plötzlich nicht mehr. Die letzten 300 Meter schwebe ich. 50 Meter vor dem Ziel fange ich an zu tanzen, die Arme in die Luft zu werfen. Gänsehaut am ganzen Körper. Auf jeden Fall unter vier Stunden. Ich könnte die ganze Welt umarmen! Der Schmerz in den Schultern ist weg, die Beine gehorchen mir wieder, irgendjemand hängt mir eine Medaille um, irgendwoher bekomme ich eine Banane und eine Plastikfolie, die ich mir irgendwie umwickle. Unerwartet anspruchsvoll gestaltet sich der Weg aus dem Stadion. So ein Fußballfeld ist ganz schön lang, wenn man schon ein paar Kilometer gelaufen ist. Und irgendein cleverer Kopf ist auf die grandiose Idee gekommen, die Läufer über die Tribüne aus dem Stadion zu lotsen. Eine gefühlte Million Treppenstufen sorgen nochmal für ordentliches Brennen in den Oberschenkeln.
Stolz wie Bolle
Aus irgendeinem Grund befand sich bei meinen Startunterlagen ein Gutschein für eine Medaillengravur. Vermutlich war das der Frühbucherbonus, ich selbst hätte für so etwas sicher kein Geld ausgegeben. Aber da ich ihn nun einmal hatte, löste ich ihn ein. Und was steht jetzt auf meiner Medaille? 3:56:41! Yippie-Ya-Yeah, Schweinebacke! Ich überlegte kurz, ob ich mir die 3:56:41 nicht auch gleich auf die Stirn gravieren lassen sollte – aber noch mehr Schmerzen brauchte ich eigentlich nicht. Dezent und bescheiden, wie ich nun einmal bin, versteckte ich die Medaille unter meiner Trainingsjacke und begann den Rückmarsch zur Straßenbahn. Mann, war der Weg weit. Da hat München eins der besten öffentlichen Personennahverkehrsnetze der Welt, aber der Olympiapark ist deutlich zu schlecht angebunden.
In der Straßenbahn sackte dann für einige Minuten mein Kreislauf ab, ähnlich wie seinerzeit nach dem Hermannslauf. Ich vermute, ich habe während des Laufs aber insbesondere danach zu wenig getrunken. Ich habe zwar bei jeder Möglichkeit einen Becher gegriffen, aber für einen Starkschwitzer wie mich reicht das möglicherweise nicht aus. Und eine koffeinhaltige Besatzerbrause später war ich auch wieder auf dem Damm. Vielleicht hat mich auch das dusselige Gesabbel der beiden überschminkten weiblichen Arschlochkinder auf den Plätzen neben mir schwindelig gemacht. Intelligenzquotient und Figur einer Milchkuh, sich aber über das Aussehen anderer Leute ereifern. Herr, lass Hirn regnen. Am liebsten wäre ich ja den ganzen Rest des Tags sowie mindestens die beiden folgenden Wochen mit der Medaille um den Hals oder zumindest in einem protzigen Finisher-Shirt herumgerannt. Aber ich glaube, das breite und dämliche Grinsen, das ganz tief aus meinem Inneren kam und immer noch nicht ganz verblasst ist, sprach ohnehin Bände…
Der Tag nach dem Marathon
Bei einem Marathon gelten ganz offensichtlich die Gesetze der Mathematik nicht. Denn hier sind 42,195 deutlich mehr als 2 x 21,1 und erst recht mehr als 4 x 10,55. Der Lauf selbst war stellenweise unglaublich langweilig, insgesamt unspektakulärer als gedacht. Der Reiseführer “Per Anhalter durch die Galaxis” verzeichnet unter “Marathon” wahrscheinlich: Größtenteils harmlos. Die letzten 500 oder 600 Meter aber gehören zum Größten, was ich in meinem Leben jemals erleben durfte. Ich kann mich nicht erinnern, je so euphorisch gewesen zu sein. Ich fürchte allerdings, dass sich dieses Gefühl nur dann reproduzieren lässt, wenn man vorher schon mal lockere 41,5 Kilometer gerannt ist.
Der reichlich mystifizierte Tag nach dem Marathon verlief bei mir ebenfalls eher unspektakulär. Müde war ich, sicher waren auch die Beine reichlich schwer, aber Muskelkater oder richtige Schmerzen hatte ich nicht wirklich. Und am folgenden Tag bin ich auch schon wieder eine halbe Stunde gelaufen. Nicht zur Nachahmung empfohlen sei allerdings, in der Regenerationsphase nach dem Marathon weiter zu futtern wie in der Vorbereitungsphase – ich arbeite jetzt noch daran, das angefressene Kilo wieder abzuarbeiten. Und werde ich nochmal einen Marathon in Angriff nehmen? Da könnt Ihr aber Euren Allerwertesten drauf verwetten!
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Na gut, ich kann ja nicht so sein… Also: ganz herzlichen Glückwunsch zum 1. angetretenen und gefinishten Marathon und das auch noch in der geilen Zeit! applause
Ich bin stolz auf Dich und der Urschrei wird mir unvergessen bleiben. Führt die Order 182 aus.
Evchen – Wer oder was ist eigentlich dieser Order 182?
Na Du! Das ist eine Riesenehre für Dich. Google mal die “Order 66″.
Von der prima Endzeit hatte ich ja schon gelesen – aber ich dachte und wusste nicht, dass dies dein erster Marathon war.
Deshalb nochmals umso herzlicher meinen Glückwunsch zur gelungenen Premiere!
Der Bericht war – wie immer – sehr unterhaltsam.
“Besatzberbrause” gefiel mir besonders gut.
Evchen – Star Wars fand’ ich immer so mittel. Vor allem diese Clownkrieger. Order 66 habe ich begriffen. Order 182 verstehe ich – ehrlich gesagt – immer noch nicht. Aber ich nehme es einfach mal als Kompliment.
Stefan – Danke. Aber ausgerechnet die “Besatzerbrause” ist nicht meiner Wortschöpfung. Habe ich irgendwann, vor langer Zeit, mal aufgeschnappt. Deshalb Quelle leider unbekannt.
Das ist mir auch entgangen, das das dein Erster war. Du hättest mir ohne Weiteres erzählen können, das du schon Marathon gelaufen bist, als noch keiner… und überhaupt…. Glückwunsch zur souveränen Aura und NATÜRLICH zum Hammer Marathon! Sagenhaft!
So, Lars – nun auch noch nach dem ausführlichen Bericht: Herzlichen Glückwunsch! Das war ein großes Stück. Unspektakulär, nichts Weltbewegendes, aber doch eine ganz starke Leistung.
Danke für den schönen Bericht. Genieße noch lange dein breites Grinsen – du hast es dir verdient!
Eine sehr schöne Zeit für den ersten Marathon. Sehr überraschend auch mal einen Bericht über erfüllte Erwartungen und Zeitziele zu lesen. Es kann also doch funktionieren.
Wow, der erst Marathon und dann sub 4.
Herzlichen Glückwunsch.
und…das Grinsen im Gesicht hält etwa zwei Wochen.
Grüße
Jörg
Wie kommentiere ich solch einen schönen Beitrag?
Manchmal reicht es auch ihn unkommentiert stehen zu lassen denn er wirkt durch meinen Kommentar sicher nicht besser.
Aber ich möchte Dich beglückwünschen.
Erstens: zu einem wahnsinnig schönen Beitrag der wirklich alles enthält.
Zweitens: zu deiner wunderbaren Leistung und zu deinem Ehrgeiz.
Herzlichen Glückwunsch!
Lars, ich kann nur danken für den tollen Dreiteiler – obwohl ich diese Fortsetzungsgeschichten eigentlich hasse, aber ich hoffe es folgen nicht noch unerwartete weitere Teile – und natürlich gratuliere ich Dir, ist ein schönes Stück Arbeit gewesen, gell?
Salut
Toller Bericht, tolle Zeit. Herzlichen Glückwunsch und Vielen Dank für das Lesevergnügen.
Es freut mich, dass Du zu dem gleichen Entschluss gekommen bist! So was muss man einfach öfters erleben. Es war einfach super!
Ich musst ja noch ne Stunde länger auf dieses absolut geile Gefühl auf den letzten Metern warten.
Aber das war es wert!