Gibt es ein Leben nach dem Marathon?
Ich kenne mich selbst ja nun schon seit einigen Jahren. Und weil ich mich so gut kenne, befürchtete ich, nach dem Marathon in ein tiefes, schwarzes Motivationsloch zu fallen. Die Versuchung, mich nach dem Erreichen des großen Ziels einfach mal ein paar Monate dem süßen Müßiggang hinzugeben, erschien mir doch recht verlockend. Dass diese Faulenz-Phase genau in eine kritische Jahreszeit fallen würde – denn die Weihnachtszeit macht ja bekanntlich Hintern breit –, war mir sehr wohl bewusst. Tief in meinem Inneren hatte ich mich bereits mit einigen Kilogramm zusätzlichen Hüftgolds arrangiert. Und im Januar hätte ich dann – gute Neujahrsvorsätze in die Tat umsetzend – den alten Einsteiger-Trainingsplan herausgesucht und mich mühsam über die ersten drei oder vier Kilometer gequält. Ewiger Anfänger eben. Den Kampf gegen die bevorstehende Motivationskrise hatte ich schon aufgegeben, bevor mir der innere Schweinehund überhaupt den Krieg erklärt hatte. Dann war es eben eine sich selbst erfüllende Prophezeiung – ich hatte mir eine Pause mehr als redlich verdient.
Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber es kann ja auch nicht schaden, an dieser Stelle dreimal auf Holz zu klopfen. Denn ohne dass ich genau sagen könnte wie ich es angestellt habe oder warum es so gekommen ist, konnte ich die gröbsten Unfälle bisher vermeiden. Am Tag nach dem ominösen Tag nach dem Marathon hatte ich schon wieder richtig Lust zu laufen – nicht lang, nicht weit, nicht schnell, aber ich lief. 18 Kilometer in der Woche nach dem Rennen, 42 in der Woche darauf, dann 47, und mittlerweise habe ich mich wieder auf meinem üblichen Niveau von etwas über 60 Wochenkilometern eingependelt. Sicher, in den zwei, drei Regenerationswochen nach dem Marathon habe ich, wie bereits geschrieben, ein oder vielleicht auch zwei Kilogramm zugelegt. Das halte ich aber für eine annähernd normale Reaktion – der Kalorienverbrauch ist in der Erholungsphase drastisch reduziert, man ist aber nach wie vor gewohnt, zu futtern wie in der harten Vorbereitung. Aber auch dieses kleine Problem löst sich gerade annähernd von selbst.
Berlin, London, New York
Schön “crossig” sollen die Läufe im Winter sein, sagt der Trainer, und wellig, besser hügelig, am besten aber bergig das Gelände. Winterlaufserien seien gut, um die Motivation hoch zu halten, fügt er hinzu. Wie gut, dass der Großsportverein in der Nachbarmetropole eine ebensolche anbietet. 12.800, 16.800 und 21.100 Meter im Dezember, Januar und Februar sollten schon einmal einiges an Ansporn liefern. Und dann gibt es ja noch den traditionellen Silvesterlauf über zehn Kilometer, und wenn ich meine derzeitige Form einigermaßen halten kann und die Bedingungen nicht all zu schlecht werden, reizt mich da ein Angriff auf die 45-Minuten-Marke. Dafür müsste ich die nächsten Wochen dann das tun, was mir ohnehin Spaß macht: Tempo bolzen und jenseits aller Laufästhetik mit brachialer Gewalt die Muskeln sauer laufen. Schön kann jeder.
Und plötzlich erwische ich mich dabei, wie ich etwas mache, was ich eigentlich nur von diesen religiös-fanatischen Laufmissionaren erwartet hätte, von diesen Hungerhaken ohne Freunde und andere Hobbys, diesen bemitleidenswerten Asketen, denen Größe S zu groß ist und die ja sonst im Leben nichts haben: Ich betreibe Wettkampfplanung. Eine kurze Randbemerkung sei gestattet: Ist es nicht auffallend, wie sehr diese Kampfläufer, die man nie lächeln sieht, immer wieder betonen, wie viel Spaß ihnen das Laufen doch macht? Ihre zur Faust geballten Visagen enttarnen das als wenig erfolgreiche Autosuggestion. Jedenfalls stelle ich mit Erstaunen und einigem Entsetzen fest, dass ich auf einen Zettel die Wettkämpfe kritzele, an denen ich gerne teilnehmen möchte. Aber spätestens als ich mich dann auch noch ärgere, dass meine Wunschläufe sich terminlich nicht so recht koordinieren lassen, bekomme ich Angst. Was die frühen Grünen für Deutschlands Parteienlandschaft sind, bin ich für das Laufen. Einst Steine werfende Revoluzzer, jetzt pomadige Bonzen in Beraterjobs. Ich bin der Lauf-Lafontaine: kess redend, aber im Herzen zum Establishment gehörend. Ich muss mir sofort ein neues Laufshirt batiken, um mir selbst zu beweisen, dass ich immer noch nicht dazu gehöre.
Weeze, Detmold, Hanau
Es ist aber auch zum Haareraufen. Nachdem er mir in diesem Jahr so gut gefallen hat, möchte ich auch 2010 gerne wieder den Berliner Halbmarathon laufen. Der liegt angenehm früh im Jahr, das sollte passen. Der Hamburg Marathon wird im kommenden Jahr zum 25. mal ausgetragen, dort an den Start zu gehen, wäre natürlich eine feine Sache. Dummerweise fällt der Hamburg Marathon immer auf den gleichen Tag wie der Hermannslauf, mit dem ich nach der Schmach zu Anfang dieses Jahres aber noch eine persönliche Rechnung zu begleichen habe. Und nur eine Woche vorher findet der Fisherman’s Friend StrongmanRun statt – eigentlich hatte ich für mich persönlich mal beschlossen, für den Rest meines Lebens genug im Schlamm gespielt zu haben, aber im Verlauf irgendeines Testosteronschubs habe ich mich dort doch angemeldet, die Startnummer ist bezahlt und nicht übertragbar, und jetzt werde ich also ein paar Weicheiern aus der Blognachbarschaft mal zeigen müssen, wo der Bartel den Most holt! Natürlich reizt mich auch der Rennsteiglauf, aber für den bin ich im kommenden Jahr wahrscheinlich ohnehin noch nicht reif. Das Frühjahr ist einfach zu kurz, denn der London Marathon wäre ja auch noch eine Alternative…
Im Herbst sieht es aber nicht viel besser aus. Der München Marathon feiert sein 25. Jubiläum, ein Berlin Marathon gehört in jede Läufer-Vita, für Mallorca spricht das Wetter, für New York der Mythos. Aber Köln und Frankfurt sind ja auch nicht unbedingt zu verachten. So viele schöne Laufkilometer, so wenig Zeit! Da hilft nur eins: Prioritäten setzen und langfristig planen. Offene Rechnungen vor allem anderen. Längere Distanzen vor kürzeren. Einzigartige, einmalige Veranstaltungen vor wiederkehrenden. Jubiläen vor Nicht-Jubiläen. Ich hasse Kompromisse – ich will alles, und ich will es jetzt. Ich knülle den Zettel zusammen und schleudere ihn in den Papierkorb, gerade so wie ein Demonstrant einen Stein an den Helm eines Polizisten knallen würde. Am 11.11. ist es vielleicht Zeit, sich auf das Kölsche Grundgesetz zu besinnen: Et kütt wie et kütt. Aber vor allem: Maach et god, ävver nit zo off! Oder mit etwas mehr Lokalkolorit: Schaun mer mal!
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Dieses Loch nach dem erreichten Ziel kenne ich nur zu gut. Ich hatte es vom Anfänger über eine Winterlaufserie bis zu einem Halbmarathon im Frühjahr 2007 gebracht. Meine Regenerations-Laufpause danach dauerte ca. zweieinhalb Jahre und 15 Kilo.
Vor gut zwei Monaten habe ich wieder angefangen. Ein letztes Mal bei 0, habe ich mir geschworen. Im September nächsten Jahres
will ichwerde ich die 42,195 im Münster laufen – und danach auch nie mehr ganz aufhören.Achja, meiner wilden/aufrührerischen Zeit trauere ich manchmal auch nach. Und ich war sogar optisch extrem…herausfordernd. Ich war so cool, weil ich ja sooo anders war.
See you in Weeze, Mister. hehe
Schaun mer mal finde ich gut.
Manche kommen gut damit zurecht, sich kurzfristig zu entscheiden und alles auf sich zukommen zu lassen – andere brauchen die Organisation – und du kannst dich nicht entscheiden ;P
lautlach Warum erinnerst du mich nur so an mich??? Egentlich will ich ja mit diesem Hyper-Ehrgeiz, der in letzter Konsequenz schnurstracks in die Wettkampf- und Trainingsplanung führt, auch nichts zu tun haben. Aber es gibt ja so viele Verführer – nette kleine Laufveranstaltung und must-have-Events. Da sollte ich dann vielleicht doch mal ein bisschen systematischer… Aber sei’s drum. Nur, weil du dir einige Laufteilnahmen rechtzeitig vornimmst – was ja wegen Meldung, Urlaubs- und Reiseplanung durchaus sinnvoll sein kann – mutierst du doch noch lange nicht zum Ehrgeizling! Am Ende kütt et eh, wie et kütt!
“und jetzt werde ich also ein paar Weicheiern aus der Blognachbarschaft mal zeigen müssen, wo der Bartel den Most holt!”
du kannst dann den matsch von meinen sohlen lecken, kannst du!
Dein “Dilemma” – gerade bei Terminüberschneidungen – kann ich gut verstehen.
Dieses Jahr hab ich auch alles mehr oder weniger auf mich zukommen lassen – und trotzdem kam oft was dazwischen, was selbst kurzfristige Pläne durchkreuzte.
Für das nächste Jahr werde ich diesmal etwas langfristiger planen müssen.
Der StrongManRun 1 Woche vor dem Hermannslauf (wenn ich deine Prioritäten jetzt richtig gedeutet habe) ist sicher ‘ne gute letzte Vorbereitung. Und Spaß macht’s auch (ich war letztes Jahr da).
Klingt nach einer guten Kombination.
Ja hervorragend wie sich die Erfahrungen ähneln. Wie so mancher hab ich nach meiner ersten offiziellen Veranstaltug (HM) die Schuhe so lange liegen gelassen, bis ich den Dreck nicht mehr abbekam. Und gelaufen bin ich die in Schlabberhose und Baumwoll-longsleeve (so viel zum Thema “gegen den Strom rennen”).
Um zumindest das Gefühl der kleinen Abgrenzung aufrechtzuerhalten schwöre ich auf das zuvor beschriebene Phänomen von Kölns größtem Sportplatz – auch mal was andres probieren, Herausforderungen gibt es immer und überall
Das Loch kenne ich zwar nicht, bei mir sind es eher immer “Zwangslöcher”.
Auf Weeze freu ich mich auch. Da kannst Du mal richtig den Hammer schwingen.
Klingt nach einer Findungsphase. “Schaun mer mal” ist wohl aktuell keine Alternative.
Sich nächstes Jahr mit Terminen zuzuschütten wird zumindest den Schweinehund gegraben solange er sich nicht freischaufelt. Dann wird es eng.
ein duell! ein duell! männer in den schlamm!