Piep, piep, piep – wir haben uns alle lieb!

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 5, Absatz 1, Satz 1

Nach Absatz 2 des selben Artikels findet das an sich unverletzliche und unveräußerliche Grundrecht der Meinungsfreiheit zwar seine Schranken im Recht der persönlichen Ehre, aber es gibt kein Gesetz, das vorschreibt, dass alle Menschen der gleichen Meinung sein müssen. Und das ist auch gut so. Meinungsfreiheit bedeutet Meinungsvielfalt, die wiederum führt zu Disput und Diskurs, die ihrerseits den fruchtbaren Nährboden für Fortschritt und Wandel bilden. Ohne eine entsprechende Meinungsvielfalt bildeten wir uns vermutlich immer noch ein, die Erde sei eine Scheibe um die eine Sonne kreist. Sicher – wer sich eine Meinung bildet, der irrt mitunter auch. Die Ureinwohner Amerikas können ein Lied davon singen – denn noch heute spielen Kinder “Cowboy und Indianer” und nicht “Besatzer und Amerikaner”. Leider wurde von unseren Verfassungsvätern eine wichtige Ergänzung zu Artikel 5, Absatz 1 vergessen, die Dieter Nuhr dann 50 Jahre später wie folgt formulierte: “Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten”. Manfred Rommel, langjähriger Oberbürgermeister  Stuttgarts, drückte es nur unwesentlich weniger polemisch so aus: “Meinungsfreiheit bedeutet auch das Recht, seine Meinung für sich behalten zu dürfen”.

Das Internet und insbesondere das World Wide Web haben einer breiten Masse die Möglichkeit gegeben, ihre Meinungen völlig ungefiltert und unreflektiert in die Öffentlichkeit hinauszuposaunen. Blogs, Facebook, Twitter und Consorten ermöglichen es heute jedem geistigen Tiefflieger, seinen oder ihren geistigen Dünnschiss auch außerhalb des schützenden Mikrokosmos eines Stammtischs oder einer Tupperparty zu verbreiten. Dass dabei auch echte journalistische Perlen zu Tage gefördert werden, die ohne die technischen Möglichkeiten des Internets möglicherweise für immer in den Gedanken eines – zum Beispiel – Kanalarbeiters eingeschlossen geblieben wären, kann die traurige Wahrheit nicht verdecken: Es wird auch wahnsinnig viel Mist publiziert. Was viele Möchtegernjournalisten dabei aber nur zu gerne übersehen: Die Meinungsfreiheit gilt für Schreiber und Leser gleichermaßen. Wer also seine meist weniger durchdachten Ergüsse einer Öffentlichkeit präsentiert, muss auch mit dem Echo leben. Rede und Gegenrede, so funktioniert der Pluralismus nun einmal. Und auf die Gefahr hin, repetitiv zu wirken: Das ist auch gut so.

In der Blogosphäre und den sogenannten sozialen Netzwerken scheint es allerdings ein ungeschriebenes Gesetz, so etwas wie einen Nichtangriffspakt zu geben: Egal wie hirnverbrannt Geschriebenes ist, alle anderen müssen es toll finden. Immerhin hat sich ja jemand die Mühe gemacht, die unheimlich vielen Buchstaben so schön zu sortieren. “Fein gemacht”, wird dann brav kommentiert, in etwa so, wie der Onkel mit einem verkniffenen Lächeln das unfassbar hässliche Geschmiere seiner zweijährigen Nichte zu einem wunderschönen Gemälde erklärt. Was soll denn so ein Unfug? Man kann aus Hühnerscheiße nun einmal keine Hühnersuppe kochen – und wem ist denn am Ende damit gedient, wenn man ihm oder ihr vorlügt, seine oder ihre Verbaldiarrhoe sei Pulitzer-Preis-verdächtig? Irgendwann muss man dem Kind doch auch mal die Wahrheit sagen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Das unter Bloggern anscheinend besonders ausgeprägte Harmoniebedürfnis im Besonderen sowie das permanente, verkrampfte Streben nach Political Correctness im Allgemeinen gehen mir unglaublich auf die Nerven. Wer sich einer Öffentlichkeit preis gibt, zu der mehr oder minder zufällig auch ich gehöre, der muss sich eben auf die Gegenrede einstellen. Wer sich verbal bekuscheln lassen will, muss zusehen, dass er mir aus dem Weg geht. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Und wer das nicht kann, hat in der Öffentlichkeit nichts verloren – aber auf Kindergeburtstagen oder Tupperpartys ist es doch auch schön. Um den geneigten Leser und die geneigte Leserin nicht im Unklaren darüber zu lassen, was ihn oder sie hier erwartet, habe ich jetzt den Untertitel meines Blogs angepasst. Mir ist sehr wohl klar, dass ich mich ins Glashaus gesetzt habe. Ich werde mit dem Echo leben müssen und können – und ja, ich freue mich schon auf die Kommentare!

Und um auf die Überschrift zurückzukommen: Müssen wir uns denn alle – piep, piep, piep – wirklich lieb haben? Ich antworte mit den unsterblichen Worten eines gewissen Michael Kyle:

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11 Kommentare zu „Piep, piep, piep – wir haben uns alle lieb!“

  1. Evchen sagt:

    Mist! Ich wußte, daß Du es mir übel nimmst, wenn ich Dir zum Geburtstag gratuliere.

  2. Torsten sagt:

    Dann halte ich mal die Fresse. ;-)

  3. Marek sagt:

    Ich fands lustig macht doch noch ein bißchen weiter über Twitter :-)

  4. Evchen – Ich weiß ja, wann Du “fällig” bist. Und Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird…

    Torsten – Selbstverständlich darf sich jeder so viel oder auch so wenig angesprochen fühlen, wie er mag.

    Marek – Ich brauche Gegner, keine Opfer!

  5. Torsten sagt:

    @Lars, das Fresse halten funktioniert Zuhause auch ganz gut. Bin ich Meister drin. Allerdings fühle ich mich nicht angesprochen. Wollte nur mal kommentarlos einen Kommentar geben.

  6. Torsten – Kommentarlos einen Kommentar abgeben ist gut; und Du bist darin unbestritten Meister!

  7. huobaere sagt:

    Kurz und (fast) wertfrei: Echt cool und auf den Punkt gebracht! LG Reinhard

  8. Michael sagt:

    @Chris, der war echt gut! :lol:

  9. frankenfeld sagt:

    Absolut korrekt… Vor allem die politische Korrektness, die nervt extrem. Häufiger werden Kommentare von mir wieder gelöscht, weil sie dem politischen Anstand verletzen. Mal ehrlich, wer denkt denn nicht mal dreckig, sarkastisch oder mit ein wenig Unmut über bestimmte Aussagen von Politikern nach? Auch, wenn man kein Experte ist, darf man doch ein sponatanes Gefühl zu mehr oder weniger bedachten Aussagen von den Regierenden äußern… solange es kein brauner Dreck ist…klar, und kein grüner, roter, gelber, schwarzer usw…! Na ja, am besten man sucht sich drei Affen, mit denen man sich austauscht!

  10. dauerlaufen sagt:

    Kann diesem Mann endlich mal jemand einen Orden verleihen? Ich mach`s nicht, ich bin zu faul zum Basteln. Würde es aber total toll finden.

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