It’s not rocket science!

Lehrer LämpelJeder Läufer kennt mindestens einen. Und wer keinen kennt, ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit selber einer. Sie sind lästiger als schlecht sitzende Laufunterwäsche und schwieriger loszuwerden als Fußpilz: Laufklugscheißer! Sobald irgendwo mehr als zwei Läufer zusammentreffen, ist mit Sicherheit einer von ihnen ein Laufklugscheißer. Ärmer an sozialen Kontakten als der härteste Computerfreak und emotional verkrüppelter als ein Rammsteinhörer ist er unfähig, eigene Lebensfreude zu entwickeln und deshalb zu einem Leben als Parasit verdammt. Mit aufgesetztem, maskenhaften Lächeln schleicht er sich an seine Wirtsorganismen heran – junge, gesunde, fröhliche, lachende, scherzende Läuferinnen und Läufer. Die gesellige Läuferschar nimmt den lächelnden Menschen wie selbstverständlich in ihrem Kreis auf – ein fataler und nicht mehr rückgängig zu machender Fehler. Denn wie ein Blutegel beißt sich der Laufzombie an seinen Opfern fest, schlitzt sie auf und saugt Lebensfreude aus ihnen heraus. Seine bevorzugte Beute: langsam und übergewichtig aussehende Läufer.

Gespräche mit einem Laufklugscheißer nehmen meist einen ähnlichen Verlauf. Sobald die Diskussion es hergibt, wird er mit seiner Bestzeit angeben wollen und dabei den pathetischen Versuch unternehmen, seine Leistung unter den Scheffel zu stellen: “Ich bin letzte Woche in Hinterposemuckel nur 3:59:59 gelaufen. Persönliche Bestzeit. Aber da war noch mehr drin!” Auf eine scherzhafte Antwort wie “Halbmarathon?” geht der für Ironie völlig unempfängliche Blutsauger ernsthaft ein: “Nein, natürlich Marathon, so langsam bin ich nun auch wieder nicht.” Auch der nächste Versuch, den Vampir loszuwerden, wird kläglich scheitern. Versucht man nämlich, ihn zu übertrumpfen – “Ich bin vorletzte Woche in New York 2:59:59 gelaufen” –, wird er die “Ja, klar, das hätte ich auch machen können”-Karte spielen. Und egal über was die Gruppe anschließend spricht, er wird immer wieder eine Möglichkeit finden, die Mantras irgendwelcher Laufgurus wiederzukäuen, die er so brav auswendig gelernt hat, die aber entweder bereits jeder kennt oder die niemand außer ihm wirklich interessieren.

Selbst komplett unverfängliche Themen aus dem Smalltalk-Lehrbuch können den Laufklugscheißer zu stundenlangen Monologen animieren. Wechselt man abrupt das Thema, um den anhänglichen Besserwisser zu isolieren, wird er immer wieder einen Weg finden, einen Bezug zum einzigen Gebiet herzustellen, zu dem er etwas zu sagen hat. Spricht man zu Beispiel – wenig originell – über das Wetter, wird er ausdauernd und ohne Luft zu holen über die passende Ausrüstung philosophieren. Selbstverständlich wird er dabei die wichtigsten Buzzwords wiedergeben – Softshell, Zwiebeltechnik, Trailschuhe – und ungefragt und unaufgefordert Kauftipps geben. Redet man über irgendwelche Zipperlein – unter Läufern ähnlich wie im Altersheim ja ein recht beliebtes Thema –, stellt sich heraus, dass der Laufklugscheißer jede nur erdenkliche Verletzung schon einmal hatte, genau über ihre Behandlung und die Prophylaxe bescheid weiß und selbstverständlich jeden führenden Mediziner Deutschlands auf dem jeweiligen Gebiet persönlich kennt. Selbst wer noch nie mit einem Laufklugscheißer zu tun hatte, wird ihn jetzt leicht erkennen – denn sein Allheilmittel lautet in aller Regel “Vorfußlaufen”.

Illustration from the inside cover of the 1831 edition of FrankensteinBesonders gerne schleicht sich der Laufklugscheißer an Anfängerinnen heran. In seinen frankensteinesken Phantasien träumt er davon, eine Laufjungfrau nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen und wünscht sich insgeheim, so eine erfolgreichere Läuferkarriere als seine klägliche eigene miterleben zu dürfen. Und deshalb überredet er die für alle Tipps empfängliche Dame zu einem Laktatstufentest, ohne sich selbst jemals einem unterzogen zu haben. Er schleppt sie mit zu einem Einkaufsbummel und zwingt sie geradezu, erst einmal einen vierstelligen Betrag in Laufausrüstung zu investieren. Bevor er sie aber das erste mal in die neuen Laufschuhe steigen lässt, muss sie eine mehrtägige theoretische Schulung zum Thema Lauf- und Atemtechnik über sich ergehen lassen. Steht sie dann wirklich irgendwann in Markenfaser und Topschuhen auf der Wiese, darf sie nicht einfach loslaufen. Zwei Stunden Lauf-ABC und ausgiebiges Dehnen verordnet ihr der selbsternannte Trainer. An den ersten Wettkampf hat das Opfer zwar noch nicht einen Gedanken verschwendet, aber es folgen umfangreiche Übungen zum Trinken aus dem Pappbecher in vollem Lauf. Danach ändert sie ihren Namen, zieht in eine andere Stadt um und läuft nie wieder.

Ein früherer Mentor von mir wurde nicht müde, in einem anderen Zusammenhang immer wieder zu wiederholen: “It’s not rocket science!” – So kompliziert ist das nicht! Und auf kaum irgendeine andere Tätigkeit trifft das besser zu als auf das Laufen. Wir können es einfach! Über Millionen von Jahren hat die Natur unsere Gene dahingehend programmiert, dass Laufen zu den Dingen gehört, die wir am besten können – und zwar ohne darüber nachzudenken! Warum also dieser so unermesslich weisen Natur ins Handwerk pfuschen und die natürlichste Sache der Welt unnötig verkomplizieren? Ein Laufanfänger braucht nicht mehr als ein halbwegs vernünftiges Paar Laufschuhe (und das auch nur, weil wir unsere Füße verzärtelt haben) – und schon kann es losgehen. Wer sich zu viele Gedanken über die Technik macht, wird verkrampfen und dadurch nur verletzungsanfälliger. Jeder Mensch hat seinen individuellen Laufstil und eine einzigartige Atemtechnik, da sollten Amateure nicht mit herumstümpern.

Wie Vampire sind Laufklugscheißer praktisch nicht auszurotten. Wie Fußpilz tauchen sie immer dann wieder auf, wenn man denkt, man sei sie endgültig los. Man kann nur vor ihnen weglaufen. Der Laufklugscheißer meidet nämlich Menschen, die er immer nur von hinten sieht – sie machen ihm Angst. Wenn das kein Anreiz ist, das Tempotraining zu verschärfen! Nur wer schneller ist als der schnellste Besserwisser, ist sicher vor diesen laufenden Missionaren! Den Letzten beißen die Laufklugscheißer…

Nachtrag: Beim Schreiben dieses Artikels kam mir die Idee zum Bullshit Bingo für Läufer!

Diesen Artikel weiterleiten:

  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • LinkArena
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • StumbleUpon
  • Netvibes
  • Technorati
  • Twitter
  • Wikio
  • email

Schlagworte: , , , , , , , ,

8 Kommentare zu „It’s not rocket science!“

  1. Evchen sagt:

    Arrrr, der Herr ewiger Anfänger ist losgelassen. ;-)

    Daß Du Rammstein verunglimpfst, ok. Das nehme ich mal so hin. Das tust Du ja sogar bei Dingen, die Du selbst gut findest, also werte ich das lediglich als Stilmittel.
    Aber Herman Munster? Nä, das nehm ich persönlich. Päh!

    • Rammstein kann man gar nicht genug verunglimpfen. Das wird also immer mal wieder vorkommen.

      Und das (ursprüngliche) Bild zeigte angeblich nicht Herman Munster, sondern Frankensteins Monster. Nie im Leben käme ich auf die Idee, mich über die Munsters lustig zu machen. Die nehmen sich ja selbst nicht ernst…

      Aber um Missverständnissen vorzubeugen, habe ich das Bild mal ausgetauscht…

  2. Evchen sagt:

    Der Knilch sieht aber mehr nach Mr. Munster aus, finde ich.

    Ich weiß jetzt gar nicht, ob Du das tatsächlich so tiefschürfend gemeint hast, aber danke für das Kompliment. :-D

    Nebenbei gefällt mir Dein Kommentar im Kommentar-Gewurschdels ganz gut.

  3. Chris sagt:

    Manchmal gehöre ich selbst zur Gefahrengruppe. Nicht unbedingt als Besser- sondern als Vielwisser. Ich weiß über Dinge, die ich tue, gern Bescheid. Trifft man dann auf Unwissende oder Wissensverweigerer, motiviert das manchmal. Ich gehe aber meist nur nach dem Prinzip vor, anderen Menschen das zu erzählen, was ich selbst gern wissen würde.
    Jede NordicWalkingKrücke ruft auch nach einem Kurzkurs über effektiveren Stockeinsatz. Normal halte ich mich aber zurück und monologiere nur nach “unbedachter” Aufforderung.

  4. Gerd sagt:

    Einer der Gründe, weshalb ich am allerliebsten Alleine Laufe! ;-)

  5. Torsten sagt:

    Da schliesse ich mich dem Gerd an. Lieber alleine laufen.
    Falls sich dann doch so einer an meine Ferse heftet, dann versuche ich Haken zu schlagen.

  6. dauerlaufen sagt:

    Halleluja!
    Die härteste und schwierigste Lektion auf dem Weg zum glücklichen Läufer ist zu erkennen, wann man nicht mehr hinhören darf und AUSSCHLIESSLICH das macht, was der eigene Körper hergibt. Eigenes Tempo, eigener Weg zum Laufkilometer xy, eigener Rhythmus. Da ich langsam und hinten bin, gilt für mich: Laufklugscheißer werden ab sofort zurückgebissen!

    Attacke >>>

  7. Saba sagt:

    “emotional verkrüppelter als ein Rammsteinhörer” made my day ;)

Kommentieren

Unter dem Kommentarfeld siehst du eine Vorschau Deines Kommentars. Sollte Dein Kommentar nach dem Abschicken nicht erscheinen, wurde er vermutlich als Spam erkannt - das kann zum Beispiel passieren, wenn er Links enthält. Aber keine Sorge, ich überprüfe den Spamfilter regelmäßig und schalte Deinen Kommentar dann frei. Also bitte nur einmal auf "Senden" klicken! In seltenen Fällen kann es auch vorkommen, dass man die Seite im Browser aktualisieren muss - dazu bitte F5, Strg-F5 oder Strg-R drücken.


Vorschau



Blogverzeichnis   Bloggeramt.de   Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de   Bloggernetz - der deutschsprachige Pingdienst   Add to Technorati Favorites   Blog Top Liste - by TopBlogs.de   Trigami

© 2009-2010 Semper Tiro