Oder: Eine sehr persönliche Betrachtung zum Jahresende.
Der Mensch im Allgemeinen und der Blogger im Besonderen nimmt sich am Jahresende gerne die Zeit, Rückschau zu halten und den Blick in die Zukunft zu richten. Das gilt umso mehr, wenn ein vermeintlicher Dekadenwechsel bevorsteht. Was, nebenbei bemerkt, in wenigen Stunden nicht der Fall sein wird. Zwar “nullen” wir – was ja durchaus auch Grund zu besonderer Freude geben mag –, aber ein neues Jahrzehnt wird erst in gut einem Jahr anbrechen. Der Mensch – wenn er nicht gerade homo informaticus ist – beginnt eine Zählung üblicherweise mit der Eins. Und da davon auszugehen ist, dass die Informatikkenntnisse der frühen Christen eher bescheiden waren, können wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es zwischen den Jahren 1 v. Chr. und 1 n. Chr. kein Jahr 0 gegeben hat. Aber wie sagt man in meiner Familie so schön: So genau scheißt kein Schwein. Genug der Abschweifung.
Nun bin ich zwar homo sapiens einerseits und homo bloggensis andererseits (und beginne gerade, mir Sorgen zu machen, dass die übermäßige Verwendung des Worts homo eine Zielgruppe zu diesem Artikel führen könnte, die von seinem Inhalt doch eher enttäuscht sein dürfte), aber das Rückschauen und das Ausblicken sind meine Sache nicht. Für einen großen Jahresrückblick nehme ich mich selbst nicht wichtig genug – wen meine Sicht der Dinge wirklich interessiert, der kann sich ja durch die Blogeinträge dieses Jahres klicken. Und um ganz ehrlich zu sein, interessiert mich das, was war, auch bestenfalls bedingt. Und viele Jahre der Ignoranz des Gewesenen haben dann doch zu merklichen Defiziten in der Fähigkeit zur Retrospektive geführt. Anders ausgedrückt: Ich bin der typische Hochzeitstagvergesser.
Die Vergangenheit nicht schätzen zu wissen, hindert mich allerdings nicht daran, aus ihr zu lernen. Zum Beispiel die Tatsache – und es ist eine Tatsache –, dass der Blick in die Glaskugel und alle guten Vorsätze (die Antagonisten des inneren Schweinehunds) die Zeit nicht wert sind, die man mit Gedanken an sie verschwendet. Zu viele endogene (eben der innere Schweinehund) und exogene (das Leben per se) Faktoren lassen spätestens beim Katerfrühstück am Neujahrsmorgen jeden noch so guten Willen in etwa so wertvoll erscheinen wie die im Regen zermatschten Überreste des nächtlichen Feuerwerks. Und so sagt der Rheinländer in mir: Et kütt wie et kütt! Die geneigte Leserschaft weiß inzwischen, dass mir Sentimentalität eher fern liegt – was mich aber nicht völlig frei von ihr macht. Und so mache auch ich mir, nolens volens, so meine Gedanken über das, was war. Und das, was wird. Die meisten dieser Gedanken besitzen keinerlei Relevanz für irgendwen außer mir, aber einer von ihnen betraf das Laufen, und den möchte ich gerne mit den Leserinnen und Lesern teilen.
Als ich vor mittlerweile deutlich über einem Jahr vom nikotinabhängigen Saulus zum militant nichtrauchenden Paulus wurde, hatte das nichts mit einem guten Vorsatz zu tun. Nota bene: Die Mutation vollzog sich zum Jahresende hin. Zu oft hatte ich mir schon in der Neujahrsnacht wieder einen Feuerlolli angezündet, um dann zu denken: “Na gut, dieses Jahr hat es nicht geklappt, dann versuchen wir es eben in 365 Tagen wieder.” Als dem wohl unglücklichsten Raucher der Welt war es mir aber zutiefst zuwider, etwas tun zu müssen – ohne es wirklich zu wollen. Denn nichts anderes bedeutet Abhängigkeit. Wie die meisten anderen Menschen auch, hasse ich es, fremdbestimmt zu sein. Und über viele Jahre sickerte in mir die Erkenntnis durch, dass Rauchen auch eine Form der Fremdbestimmung ist. Mit etwas mehr Pathos ausgedrückt: Ich war Sklave des Nikotins. Und wer lebt schon gerne in Sklaverei?
Während also meine Jahresendgedanken um das Laufen kreisen und dabei Themen wie Wettkampfplanung, Trainingsgestaltung und Ausrüstungsanschaffungen im Vordergrund stehen, frage ich mich plötzlich: Laufe ich eigentlich noch, weil es mir Spaß macht – oder bin ich langsam und in fast unmerklichen Schritten zum Laufsklaven geworden? Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich unter anderem auch laufe, um meinen Körperumfang innerhalb gesellschaftlich akzeptierter Grenzen zu halten. Ist das nicht auch eine Form der Fremdbestimmung? Bin ich Sklave eines für mich ohnehin unrealistischen Schönheitsideals? Ich bezahle Geld für einen Trainingsplan, den ich so genau wie möglich einzuhalten versuche. Bestimmt mich mein Trainer fremd? Bin ich Sklave dieses Plans? Ich führe recht akribisch ein Lauftagebuch und notiere zu jedem Lauf Zeit, Strecke und Puls. Bin ich von meinem Trainingstagebuch abhängig? Bin ich Sklave meiner Pulsuhr? Ich nehme an Wettkämpfen teil. Lasse ich mich vom Leistungsdenken der Gesellschaft fremdbestimmen? Bin ich Endorphinjunkie? Bin ich von der Anerkennung abhängig, die mir meine Umgebung, meine Familie und meine Freunde nach erfolgreich gemeisterten Rennen zu teil werden lassen? Ich investiere jährlich etliche Euro in meine Laufausrüstung, allem voran Laufschuhe. Lasse ich mich von den Werbeversprechungen der Hersteller und den Hochglanzbildern in den einschlägigen Magazinen steuern? Bin ich am Ende, und das wäre vermutlich die peinlichste und am wenigsten subtile Form der Fremdbestimmung, Sklave der Sportartikelindustrie?
Natürlich möchte ich alle diese Fragen mit einem klaren und entschiedenen “Nein!” beantworten. Ich möchte aber auch ehrlich sein. Und deshalb: Ja, ich lasse mich von einem diffusen aber allgemein anerkannten Schönheitsideal leiten. Ja, ich versuche die Vorgaben des Trainingsplans auch dann zu erzwingen, wenn mein Körper mir davon abrät. Ja, ich lasse mir von meiner Pulsuhr diktieren, wie ich mich gerade zu fühlen habe. Ja, ich möchte Anerkennung. Und ja, verdammt, ich bin durch Werbeversprechen beinflussbar. Machen wir die Gegenprobe: Ist das alles wirklich so schlimm, wie es klingt? Oder sind diese Abhängigkeiten einfach nur der verhältnismäßig geringe Preis, den man für die vielen positiven Effekte des Laufens bezahlen muss. Objektive, messbare, wie zum Beispiel eine nicht zu leugnende Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands, höhere Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit, nachweisbare Erfolgserlebnisse. Und zahlreicher, aber schwerer in Worte zu fassen: Die subjektiven, nicht quantifizierbaren, wie etwa ein größeres Wohlbefinden, ein besseres Körpergefühl, das Naturerlebnis und einfach die reine Freude am Laufen selbst. Hier beginnt der Vergleich zum Rauchen übrigens zu hinken: Mit der Nikotinabhängigkeit erkauft man sich nicht einen einzigen Vorteil, sondern nur weitere Probleme: Loose-Loose-Situation.
Bliebe die Frage, ob ich die vielen Vorteile des Laufens nicht auch ohne die zahlreichen Abhängigkeiten erreichen kann, die so gar nicht in mein Selbstbild passen wollen. Jeden einzelnen Lauf als freier Mensch genießen, statt ihn sklavisch abzuarbeiten – das wäre eine Win-Win-Situation. Einfach natürlich laufen – ohne unnötige Ausrüstung, ohne Pulsuhr, ohne Wettkämpfe, ohne Trainingsplan, ohne Hintergedanken. Sicher, ohne ein Paar halbwegs vernünftiger Laufschuhe geht es aufgrund der Bodenbeläge in unseren Breiten nicht. Aber brauche ich wirklich mehr als ein Paar? Müssen es mindestens zwei Neuanschaffungen pro Jahr sein? Und reicht nicht auch das preiswerteste Modell vom Discounter? Auch auf Oberbekleidung aus Mikrofaser möchte ich nicht verzichten, aber eigentlich nur deswegen, weil alles andere zu schmerzhaften Reibungen führen kann und es für andere Menschen ein Problem darstellen könnte, wenn ich nackt herumlaufe. Aber reicht hier nicht auch ein Satz Klamotten vom Wühltisch? Wäre ein Lauf ohne Pulsuhr nicht sehr viel entspannter? Dreht sich die Welt nicht auch dann weiter, wenn man keine persönlichen Bestzeiten vorzuweisen hat? Wen interessiert es schon, ob ich einen Trainingsplan erfülle oder nicht? Und wenn ich fett bin und mich dabei wohlfühle, stellt das doch eigentlich auch kein Problem dar.
Aus den bereits genannten Gründen werde ich mich nicht dazu hinreißen lassen, “Natürlich laufen!” als mehr oder minder guten Vorsatz für das neue Jahr zu fassen. Der Gedanke ist einfach zu wertvoll, um ihn gleich beim ersten Lauf im neuen Jahr wieder über Bord gehen zu lassen – und dafür werden allein schon meine erfüllten Weihnachtswünsche sorgen. Die cep running O2 compression tight will ich natürlich noch ausprobieren, zumal sie ja aufgrund ihrer Materialbeschaffenheit ohnehin nicht verrotten würde. Und “Daniels’ Running Formula: Proven programs: 800 m to the marathon”, den Laufbuchklassiker von Jack Daniels (der Mann heißt wirklich so) kann ich selbstverständlich auch nicht einfach ungelesen auf dem Nachttisch herumliegen lassen. Im Gegensatz zum Rauchen, bei dem letztlich nur der kalte Entzug hilft, werde ich das “Natürlich laufen!” erst einmal ausprobieren – und mich, wenn es mir gefällt, langsam daran gewöhnen. Vielleicht laufe ich für den Anfang mal an einem Tag der Woche nur für mich. Ohne Messinstrument, ohne Dokumentation, ohne Blogeintrag. Ein Lauf pro Woche, von dem außer mir und dem Wald, durch den ich keuchen werde, niemand etwas erfährt. Wir werden sehen. Et kütt wie et kütt.
In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern meines Blogs einen guten Rutsch in das neue Jahr. Ich danke der Stammleserschaft für die Treue und drücke uns allen die Daumen, dass unsere Wünsche für 2010 wahr werden.
Euer
Lars
P.S.: Ganz besonders möchte ich mich noch bei Melanie und Steffen, den Runningfreaks, für ihre süße Weihnachtsüberraschung (in diesem Fall wäre wohl ein “Merci” angebracht), Hannes, unserem Laufhannes, für seine schöne Weihnachtskarte und Christian alias brennr.de für seine ebenso hübsche Karte mit Wünschen für das neue Jahr bedanken. Bitte nehmt es mir nicht übel, aber ich bin Kartenmuffel – und deshalb ist es unwahrscheinlich, dass ich mich in der nahen Zukunft revanchieren werde. Denn das wäre ja ein guter Vorsatz…
Bildnachweis: Das Bild basiert auf dem Bild Healthy_feet.JPG aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Lorenz kerscher.
Schlagworte: Abhängigkeit, Fremdbestimmung, Gedanken, innerer Schweinehund, Jahresende, Kolumne, Laufen, Natürlich laufen, Neues Jahr, Nichtraucher, Pulsuhr, Raucher, Sklave, Trainingsplan, Vorsätze




Zu, Glück habe ich deinen “Jahresabschlussartikel” noch rechtzeitig entdeckt. Sonst hätte die Zeit nicht gereicht ihn vor dem Jahreswechsel zu lesen.

Du bringst mich ganz schön in Zeitnot!
Ob das Sklaventum in unserer Zeit so einfach abgeschafft werden kann bezweifele ich. Ich brauche so gewisse Dinge die mich “versklaven”!
Ich wünsche Dir und deiner Familie auf jeden Fall einen guten Rutsch ins neue Jahr und viel, viel Gesundheit.
Denn ohne Gesundheit bringt auch der Rest nicht viel!
Prost Neujahr!
Gerd, für Menschen in Zeitnot gibt es am Sonntag wieder einen Limerick – und zum Jahresauftakt auch noch das absolute Highlight meines dichterischen Schaffens!
Dir auch ein dreifach donnerndes Prost Neujahr! Und in Deinem speziellen Fall nochmal einen mindestens doppelten Gesundheitswunsch!
Bitte mach da jetzt keine komplizierte Rechenaufgabe draus, falls mein Ansatz stimmt.
Also, ist es nicht vielleicht einfach das Plus an positiven Momenten (bewußt so vage ausgedrückt), das stehen bleiben sollte?
Ich habe manchmal keine Lust zu laufen, aber wenn am Ende des Monats 100km statt 89km da stehen, war es dieser eine Unlustlauf wert.
Ich liebe es, Klamotten zu kaufen und es macht mir Spaß! Erst recht, wenn ich den Vorwand der “Funktion” habe.
Ich will im Rahmen meiner Möglichkeiten gelobt werden, wenn ich mich für etwas eingesetzt, mich gequält und durchgebissen habe.
Ja, m. E. lohnt sich dafür ein Versklavenlassen.
Und ich finde es sehr sympathisch, daß Du auch nicht so der Zurückgucker bist.
Ich mag es nicht, das zu schreiben, weil es gerade jeeeeder tut und es dann so dahingeknallt ausschaut; trotzdem: guten Rutsch, lieber Lars!
Mach doch einfach was du willst.
Denk aber nicht im Traum dran, Deine Kommentare über die Verheißungen und Verlockungen der Sportartikelindustrie einzustellen. Die helfen mir über mein schlechtes Gewissen, nach scheinbar überflüssigen und voreilig getätigten Einkäufen hinweg.
Viel Spaß beim puristischen Wochenlauf und alles Gute für 2010! (Statt Karten)
Notiz: Nachteil langer Beiträge bei Kurzzeitgedächtnismenschen, man vergisst mitunter, zu was man etwas sagen wollte …
Gerade bei diesem Beispiel ist es doch so einfach, es zu überprüfen. Du wirst es probieren (?) und sehen, ob es hält, was man sich vorstellt. Ich bin gespannt, ob es etwas für dich ist.
Ich selbst bin mir recht sicher, dass ich mich MIT dem ganzen Schnickschnack wohler fühle. Vielleicht mag es beim Laufen selbst eine Last sein, der Trainingsplan eine Qual, die Ausrüstung nur der Beweis, dass man leicht beeinflussbar ist.
Aber was soll es mich stören? Solange man glücklich beim Laufen ist, kann man meiner Meinung nach vernachlässigen, ob man dabei nun von irgendwem beeinflusst wurde. Man kann sich in der heutigen Welt schließlich den Einflüssen nicht mehr entziehen.
Auf dass wir auch 2010 laufen, wie wir wollen – oder gezwungen werden.
Was Ihr immer mit der Länge meiner Beiträge habt. Das hier ist Literatur auf höchstem Niveau und nicht die Läufer-BILD.
Tja, die Jugend von heute. Wir mussten seinerzeit noch die Buddenbrooks auswendig lernen, Pi bis zur zwölftausendsten Stelle hinter dem Komma kennen und bis unendlich zählen können…