Sie sind zwar selten, aber es gibt sie: Die Tage, an denen mir Trainingsplan, Distanz und Tempo vollkommen egal sind. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was dieses Bedürfnis nach dem “Natürlich laufen!” auslöst, aber an diesen Tagen wähle ich meine Laufstrecke ausschließlich nach ihrem landschaftlichen Reiz aus. Kriterien wie “so flach als möglich” oder “optimaler GPS-Empfang”, die sonst die Erfüllung des Plans erleichtern sollen, bleiben dann ausnahmsweise unberücksichtigt. Und wenn mir egal ist, wie weit, wie lange und wie schnell ich laufe, nehme ich auch gerne mal die Digitalkamera mit, um ein paar Eindrücke der heimischen Umgebung im Bild festzuhalten. Zwar ist zumindest im Nordosten Münchens nicht viel von einem Schneesturm namens Daisy zu spüren gewesen, aber immerhin liegen die Wege abseits der Hauptverkehrsadern unter einer nicht sonderlich dicken, aber immerhin geschlossenen Schneedecke. Und damit bieten sich selbst dem untalentiertesten Menschen am Auslöser immer wieder attraktive Motive.
Eher trübes Wetter und schneebedeckte Wege bieten ideale Rahmenbedingungen für einen Lauf entlang der Isar, deren Uferwege ansonsten nach dem sonntäglichen Kirchgang voller sich mehr oder minder schnell bewegender Hindernisse sind: Vierköpfige Einheitsfamilien, deren Kinder (beide blond, der Bub vier, das Mädel sechs Jahre alt) zwar Schlangenlinien fahren, ihre Fahrräder aber trotzdem sehr viel sicherer beherrschen als Mama (Anfang 30, hat seit der Geburt des Bubs nie mehr ihr früheres Gewicht erreicht) und Papa (Mitte 30, hat während beider Schwangerschaften aus Solidarität mit zugenommen und kann sich an sein früheres Gewicht nicht mehr erinnern). Andere Sonntagsradfahrer in allen nur erdenklichen Gruppierungen. Rüpelnde Mountainbiker, denen es einen Kick zu geben scheint, ohne Not möglichst nahe an anderen Menschen vorbeizufahren. Händchenhaltende Paare aller Altersklassen, die unvermittelt stehenbleiben, um übereinander herzufallen. Heerscharen von Läufern und Walkern (mit und ohne Stöcke) in jeder Gewichts- und Geschwindigkeitsklasse. Und ein Lärm wie im Freibad am heißesten Sonntagnachmittag des Jahres.
Heute dagegen: Stille. Innerhalb von knapp zwei Stunden begegnen mir nicht einmal eine Hand voll Menschen. Ruhe. Der Schnee dämpft alle Geräusche und knirscht nur leise unter meinen Schritten. Das Plätschern der Isar zu meiner Linken scheint meinen Schrittrhythmus zu untermalen – oder ist es umgekehrt? Ein sehr seltenes Gefühl stellt sich ein: Ich laufe nicht nur in der Natur, sondern irgendwie auch mit ihr. Näher kann und will ich dieses Gefühl nicht beschreiben. Selbst meinem für die Reize der Natur ansonsten wenig empfindlichen Auge bietet sich ein malerisches Motiv nach dem anderen. Blöd ist nur, dass der Akku des Fotoapparats leer ist. 2010 scheint nicht gerade mein Jahr der Technik zu werden. Aber heute kann mich nicht mal meine eigene Dummheit ärgern – und mit ein wenig Glück bleiben die Motive ja auch bis morgen erhalten.
Rechts der Isar laufe ich Richtung Norden, links des Flusses Richtung Süden zurück. Als ich rechter Hand im Unterholz einen recht beachtlichen Hügel entdecke, stürme ich ihn aus purer Lust und Lebensfreude hinauf – ohne mir Gedanken über die Schlittenspuren zu machen. Aus Eins und Eins werden erst Zwei, als ich ein aus voller Kinderbrust gebrülltes “Achtung!” höre. Reichlich unelegant stolpere ich zur Seite, ein blassblaues Etwas auf einem knallroten Ding zischt an mir vorbei. Im Gestrüpp herumstaksend sehe ich hinter der Hügelkuppe ein aschfahles Gesicht auftauchen. Es folgt eine surreale Szene: Die ob des kindlichen Schreis zu Tode erschreckte Mama schimpft auf mich ein, was ich allerdings nicht höre, weil mich mein MP3-Player gerade auf den neuesten Stand bezüglich “Pattern-Oriented Software Architecture” (POSA) bringt. Meine Pulsuhr erklärt mich für klinisch tot, während das kerngesunde und völlig unbeschadet am Fuß des Hügels angekommene Kind mich aus- oder anlacht. Das Lachen wiederum steckt zuerst mich und dann die Mama an, und die surreale Szenerie löst sich in impressionistischem Wohlgefallen auf.
Ein einziges Bild von diesem Lauf hat mir der Akku gegönnt, und das präsentiere ich hier mal ohne weiteren Kommentar – obwohl mir mindestens fünf gute Bildunterschriften einfallen würden.
Schlagworte: Daisy, Fahrradfahrer, Isar, Kamera, Laufen, Lebensfreude, Mountainbiker, Natürlich laufen





Das mit der Technik ist hoffentlich kein böses Omen für 2010?

…“optimaler GPS-Empfang… hatte ich bisher noch nie als Auswahlkriterium für einen Lauf. Du bringst einen auf ganz neue Ideen!
Schön dass Du wieder fit bist und deine Kreise ziehst.
Gruß in den Süden!
Lars als Genußläufer?
Was die Technik angeht: die Kamera is ja nur alle, nich kaputt, aber die Techniker sagen so, wenn was kaputt geht, folgen zwei. Also hättest Du noch zwei to does. duck
Ich drücke Dir beide Daumen, daß es so dekadent-unnötige Dinge wie der Kühlschrank und die Waschmaschine und nicht etwa der Laufcomputer oder das Handy sein mögen.
Solch einen Schreck hatte ich auch mal. Im ersten Moment ist man perplex und erst mit der Zeit kommt man wieder zu sich.