Oder: Bedienungsanleitung für dieses Blog
In dem Teil der Blogosphäre, über den ich zumindest gelegentlich die Augen schweifen lasse, wird mitunter die Auffassung vertreten, es sei die Pflicht des Autors, auf jeden einzelnen Kommentar zu einem Artikel zu reagieren, also zurückzukommentieren. Jüngst wurde diese Forderung zum Beispiel in den Kommentaren bei Miss Monster oder in einem Artikel von Margitta laut. Ein Blogger, so wird unterstellt, der Kommentare nicht beantwortet, zeige dadurch, dass er oder sie die Anmerkungen zu seinem oder ihrem Artikel gar nicht liest, seine oder ihre Leser mithin geringschätzt. Als unhöflich und stillos wird ein solcher Mensch bezeichnet. Mit Verlaub, liebe Blogger-Gemeinde, aber das ist schlichtweg Unfug. Jeder einzelne Blogbetreiber freut sich über jeden einzelnen Leser und über jeden einzelnen Kommentar. Und das ist keine Meinung, sondern eine Tatsache – zumindest bis zum Beweis des Gegenteils. Die Behauptung, fehlende Kommentarkommentare seien ein Zeichen von Respektlosigkeit, ist damit in etwa so sinnhaft wie ein Zitat, das vor einiger Zeit in Caschys Blog zu lesen war: “Unter einem guten Beitrag keinen Kommentar zu hinterlassen, ist wie einem guten Kellner kein Trinkgeld zu geben”.
Die Sicht des Lesers
Mein Aggregator führt für mich Informationen zu vielen verschiedenen Themen aus über 80 Blogs zusammen. Mein Blick streift damit täglich schätzungsweise vier bis fünf Dutzend Artikelüberschriften. Interessiert mich die Überschrift, überfliege ich den ersten Absatz. Gefällt mir der, lese ich den ganzen Artikel. Damit dürfte ich mich kaum von der Masse der Blogleser unterscheiden. Am Ende des Tags habe ich vielleicht ein Dutzend Artikel von Anfang bis Ende gelesen – aber höchstens ein Viertel davon kommentiert. Möglicherweise hatte ich eine Frage zum Thema. Möglicherweise hatte ich das Gefühl, dem Autor beipflichten zu müssen. Möglicherweise wollte ich einen anderen Standpunkt vertreten. Möglicherweise wollte ich ergänzende Informationen zum Thema beisteuern oder einen aus meiner Sicht guten Hinweis geben. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals einen Kommentar der Art “Ich habe Deinen Artikel gelesen, danke, dass Du ihn geschrieben hast” hinterlassen zu haben. Ist das unhöflich oder respektlos gegenüber dem Autor, der sich doch die Zeit genommen hat, etwas zu schreiben? Nein! Heißt das, dass ich als Leser die Arbeit des Verfassers nicht zu schätzen weiß? Nein! Heißt das, dass ich den Artikel schlecht finde? Auf keinen Fall! Manche Beiträge sind einfach so gut, so rund, dass jeder Kommentar überflüssig bis schädlich ist. Umgekehrt kann ein – aus meiner Sicht – schlechter Artikel regelrecht nach einer Bemerkung schreien.
Freue ich mich, wenn der Verfasser eines Artikels auf meinen Kommentar antwortet? Ja. Halte ich den Autor für unhöflich, stillos, respektlos, wenn er es nicht tut? Nein. Fühle ich mich dann herabgesetzt und bin zu Tode betrübt? Wohl kaum. Und jetzt mal Hand aufs Herz: Wer besucht denn wirklich einen Artikel ein zweites mal, um zu sehen, wie der Blogger auf den eigenen Kommentar reagiert hat. Wenn ich eine Seite noch einmal öffne, um die Reaktionen auf meinen Senf zu sehen, muss mich das Thema entweder mehr als brennend interessieren oder ich meinen Kommentar für ausgesprochen wertvoll halten. Letzteres maße ich mir nur höchst selten an. Und wann genau endet denn dieses Spiel? Wenn ich den Autor zum Rüpel erkläre, weil er einen Kommentar unbeantwortet stehen lässt, ist dann nicht der Kommentator ein eben solcher Flegel, wenn er nicht auf die Reaktion des Verfassers eingeht? Und so weiter! Willkommen in der Endlosschleife!
Die Sicht des Autors
Ich betone es noch einmal: Ohne Ausnahme freut sich jeder Blogger über jeden Leser und über jeden Kommentar – und ich kann mir keinen Blogbetreiber vorstellen, der nicht jeden einzelnen Kommentar liest. Jeder von uns weiß, dass nur ein Bruchteil der Leser auch eine Anmerkung hinterlässt. Mein persönliches Leseverhalten spiegelt sich übrigens ziemlich genau in den Kommentarzahlen meines Blogs wieder: Ich kommentiere grob geschätzt fünf Prozent der von mir zumindest angelesenen Artikel, umgekehrt hinterlassen ebenso grob gerechnet rund fünf Prozent der Menschen, die sich auf einen meiner Beiträge verirren, ihrerseits einen Kommentar. “Wie der Herr, so’s Gescherr” schießt mir in den Kopf – es wäre interessant herauszufinden, ob “Vielkommentierer” ihrerseits auch mehr Kommentare erhalten. Ich für meinen Teil kann mit dem Kommentarverhalten meiner Leserschaft mehr als gut leben. Ich halte weder bei mir noch bei anderen viel davon, Ehrlichkeit durch Höflichkeit zu ersetzen. Insofern haben für mich Kommentare auch eine differenzierte Wertigkeit: konträrer Standpunkt vor sachlicher Kritik vor sinnvollen Hinweisen vor schlichtem Lob. Auch humorvolle Anmerkungen lese ich immer wieder gerne. Auf unreflektierte Höflichkeitsbezeugungen dagegen kann ich ebenso gut verzichten wie auf einsilbige Kommentare, die nur dem Zweck dienen, einen weiteren Backlink auf das eigene Blog zu generieren. Es würde mir im Traum nicht einfallen, einen nichtkommentierenden Leser als unhöflich zu diskreditieren. Einen Artikel nicht einmal ganz zu lesen, geschweige denn zu verstehen, und trotzdem die Ich-war-auch-hier-Marke zu setzen, würde ich persönlich dagegen schon eher als respektlos einstufen.
Das oben für Artikel geschriebene gilt analog für Kommentare. Manche Kommentare sind einfach so gut, so rund, dass jedes weitere Wort die Anmerkung entwerten würde. Insofern wäre es auf nahezu peinliche Weise unhöflich, als Autor das letzte Wort haben zu wollen. Und wer ist jetzt respektloser: Der Schreiber, der nicht jeden Kommentar quittiert, oder der Blogger, der seinen Lesern nicht das letzte Wort zugesteht? Andere Kommentare sind vielleicht so provokativ oder eventuell auch einfach inhaltlich falsch, dass eine zusätzliche Bemerkung des Bloggers notwendig ist. Wieder andere sind möglicherweise so humorvoll, dass sie zu einem witzigen Schlagabtausch führen können. Ob und wie auf einen Kommentar zu reagieren ist, bleibt also eine Einzelfallentscheidung. Ein Pauschalurteil der Art “Wer nicht zurückkommentiert, handelt respektlos” ist damit in etwa so sinnhaltig wie die Behauptung “Wer für jedes seiner Worte eine Bestätigung braucht, hat ein Problem mit sich selbst”.
Fazit
Der Duden beschreibt in seiner 24. Auflage einen Kommentar als “Erläuterung, Auslegung, kritische Stellungnahme”. Eine gute Erläuterung bedarf keiner weiteren Worte, ebenso wenig wie eine differenzierte Auslegung. Auch eine kritische Stellungnahme darf durchaus mal im virtuellen Raum stehenbleiben, sofern man keinen besonderen Wert auf die oben beschriebene Endlosschleife legt. Der Sammelstelle für mehr oder minder gesundes Halbwissen, auch als Wikipedia bekannt, fällt zum Thema Kommentar ein: “Ein Kommentar (…) ist ein Meinungsbeitrag zu einem Thema, der den Autor namentlich nennt (…)” und “(…) verhilft dem Leser dazu, sich ein abgerundetes Bild über das Ereignis zu machen”. Und runder als rund gibt es nun einmal nicht.
Der wieder einmal langen Rede kurzer Sinn: Gerade weil ich jeden meiner Leser respektiere und jeden Kommentar schätze, werde ich auch weiterhin viele Kommentare einfach unkommentiert stehenlassen. Wer das nicht zu schätzen weiß, bleibt eben weg. Mir doch egal.
Im Grunde genommen habe ich das alles – in sehr viel kürzerer Form – schon einmal unter “Über dieses Blog” geschrieben. Dort steht noch ein weiterer, in Bezug auf dieses Blog sehr wichtiger Satz: Nicht immer ist alles ganz ernst gemeint…
Schlagworte: Allgemeines, Blogosphäre, Kommentar, Meinung, Off Topic




Backlink!
So Lars,
das mußt Du jetzt abkönnen: ich mag Dich!
Von persönlich kennen kann ja nicht die Rede sein, aber blog-, mail- und laufradiotechnisch bist Du mir sehr sympathisch und ich lasse “nix auf Dich kommen”. Denn mal abgesehen von der ein oder anderen Frotzelei (die ich, obwohl unsicherer Neuling, nie negativ aufgefaßt habe) hast Du immer freundlich, lobend und motivierend auf mich reagiert. Wenn ich konkret eine Frage habe, gibst Du gern Auskunft, wenn ich hübsche Paßfotos von mir einstelle, hast Du ein charmantes Wort übrig usw.
Den Absatz habe ich weniger für Dich geschrieben, weil ich überzeugt bin, daß Du das auch so schon weißt, sondern eher für andere Leser, die Dich… anders interpretieren.
Ich glaube, viele sehen einfach nicht das sehr oft vorhandene Schmunzeln bei Deinem Geschreibsel.
Was Dein Bullshit-Schreien angeht: ich verstehe lang noch nicht alles.
In diesem Sinne: Warum denn so ernst?
Und jetzt hab bitte Batman-the dark knight gesehen.
Muss Dich enttäuschen – Batman-The Dark Knight habe ich nicht gesehen. Und es bestehen ganz gute Chancen, dass das so bleiben wird. Nicht so mein Genre…
Bildungslücke. Ich mag Dich trotzdem.
Hmm also, ich kann dem Autor dieses Artikels durchaus recht geben, denn ich als absoluter Neuling in der Blogsphäre freue mich über jeden Komentar der in meinem Blog steht. und beantworte natürlich solange ich die Übersicht behalt auch jeden. Aber natürlich kann es bei einem so umfangreichen Blog wie diesem hier vorkommen das man nicht immer alles schaft zu beantworten. Oder nicht auf jedes kleine “schönes Bild, oder Toller Blog” reagiert. das kann ich gut verstehen. Dennoch würde ich wie Evchen schon geschrieben hat nicht immer alles gleich auf die Goldwage legen und auch mal über den ein oder anderen “komischen” Komentar hinwegsehen.
also müssten eigendlich fast alle was damit anfangen können.
@Evchen, Ich habe den Film zwar noch nicht gesehen aber nun habe ich ja einen Grund dafür. Toll. Aber das Zitat kenne ich dennoch aus der Vorschau
Liebe Grüße, Marcel…
Wenn Du grundsätzlich gern in die Richtung Filme guckst, ist der ein Muß. Sehr lecker!
Lars,
langer Artikel, kurze Antwort:
Ich blogge nicht “in deiner Liga”, verstehe aber jedes Wort!
Danke für diesen Beitrag – Reinhard
Dieses Beantworten durch den Autor war (vor 4 Wochen) für mich ein regelrechter Kulturschock. Das kenne von anderen Blogs sonst gar nicht, aber das sind auch keine Tagebuchblogs.
Mir fällt auf, dass vieles immer nur zum chatten benutzt wird – sei es die Kommentarfunktion oder der Twitter.
Ich antworte nur auf Kommentare, wenn eine Frage oder ein Missverständnis vorliegt.
Für habe ich gelesen, gefällt mir kann der Blogger ja Twit-This, Facebooken oder Digg this Button einbauen. Das Klicken darauf ist ja auch ein Dank & ein Geschenk.
Die Argumente kann ich gut nachvollziehen. Auch wenn ich – für mich persönlich – da teilweise einen anderen Standpunkt habe.
)
Aber grundsätzlich entscheidet eben jeder Blogschreiber, ob er Kommentare kommentiert oder nicht. Und jeder Kommentator entscheidet für sich ob er weiter kommentieren will, wenn seine Kommentare nicht kommentiert werden (Verwirrung komplett?
Eben “die Freiheit des Bloggens”.
Was Marcus sagt fällt mir auch auf. In letzter Zeit bin ich ja auch in der Geocacher-Blogwelt unterwegs. Und da wird deutlich weniger kommentiert als bei den Läufern. Und auch deutlich kritischer. “Wattebäuschchen-Kommentare” gibt es da so gut wie gar nicht.
Ganz grosses Tennis!
Ist zwar völlig gehaltlos, dieser Kommentar von mir, aber ich bringe hiermit meine Bewunderung zum Ausdruck – ich wollt’ ich könnt’ so gut schreiben, dass auch jeder “meinen Ansatz” versteht