Als unverbesserlicher Geburtstags- und Hochzeitstagsvergesser habe ich selbstverständlich auch mein gestriges Blogjubiläum geflissentlich ignoriert. Den Begriff “Geburtstag” vermeide ich in Zusammenhang bewusst – denn der Tag, an dem ein Blog sich selbst mit Inhalten zu befüllen oder gar Fortpflanzungsstrategien zu entwickeln beginnt, wird der Tag sein, an dem ich den Kampf gegen die Maschinen aufnehme! Gestern vor einem Jahr also habe ich meinen ersten Eintrag für dieses Blog verfasst. Dass die Rückschau nicht zu meinen Stärken zählt, habe ich bereits in epischer Breite dargelegt – aber ich hatte einfach Lust dazu, eben diesen ersten Artikel noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Als leidgeprüftes Kommunikationsseminaropfer stellte ich seinerzeit eingangs drei – selbstverständlich rhetorische – Fragen, die ich heute noch einmal aufgreifen möchte.
Legt irgendjemand Wert auf die Meinung eines Anfängers?
Hand aufs Herz: Lautet die spontane und damit ehrliche Antwort nicht “nein”? Und speziell in Läuferkreisen scheint die Gefahr recht hoch zu sein, dass der alte Hase – seine eigenen Wurzeln vergessend – dem vermeintlichen Grünschnabel gegenüber arrogant bis herablassend auftritt. Kaum jemand, der schon einmal die Ziellinie eines Marathonlaufs überquert hat, kann es sich verkneifen, demjenigen, der dieses Glück noch nicht verspürt hat, ungefragt mehr oder minder gute Ratschläge zu erteilen. Sicher: Man darf, kann und sollte unerfahrene Läufer davor bewahren, Fehler zu begehen. Denn auch das sagte ich bereits: Wer wirklich klug ist, lernt aus den Fehlern Anderer. Aber was für den alten Hasen A gut war, muss nicht die beste Lösung für den Beginner B sein. Und könnte die Menschheit nicht innerhalb der letzten Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte zu Erkenntnissen gelangt sein, die den einen oder anderen guten Ratschlag schlichtweg hinfällig werden lassen? Als Beispiel sei die aktuelle – und keineswegs beendete – Diskussion um Laufschuhe genannt. Möglicherweise kann also auch jemand, der glaubt, bereits mit allen Wassern gewaschen zu sein, vom unbefangenen Einsteiger etwas lernen.
Die Leser mögen mir einen kurzen Ausflug in mein Berufsleben verzeihen: Bei der Zusammenstellung eines Projektteams ist die Versuchung groß, ausschließlich auf Erfahrung zu setzen: X kann das, Y hat das schon Hundert mal gemacht, Z ist ohnehin in jedem Projekt dabei, und so weiter. Aber vielleicht bringen die Berufsanfänger U und V neue und bessere Ideen aus Ausbildung und Studium mit? Wahrscheinlich fehlt ihnen ein wenig Praxis, um diese Kenntnisse auch umsetzen zu können, aber dafür haben wir ja X und Y. Eine klassische Win-Win-Situation: X und Y bekommen frischen Wind unter die Flügel, U und V im Gegenzug praktische Erfahrung. Und dann haben wir ja noch W, der zwar aus einer anderen Branche kommt, und dem deshalb noch das domänenspezifische Wissen fehlt. Aber vielleicht ist dieser Blickwinkel des Außenstehenden ja wertvoller als die Sichtweise von Z, der seit Jahren nicht über den Tellerrand hinausgeschaut hat? Meine persönliche Berufserfahrung hat mich gelehrt, dass nicht nur der Anfänger vom Profi, sondern auch der Alteingesessene vom Neuling lernen kann – und soll! Mit einiger Sicherheit wird mehr Wissenstransfer von alt zu jung stattfinden als umgekehrt – aber trotzdem wird eine wohlüberlegte Antwort auf die obige Frage wohl lauten: “Ja, warum denn nicht?”
Braucht das Internet noch ein Blog?
Bis vor wenigen Jahren war ein erfülltes Leben ganz ohne Blogs möglich – und selbst heute würde sich eine blogfreie Erde immer noch weiterdrehen. Ich lese etliche Blogs und habe meine Freude daran, das eine oder andere würde ich möglicherweise sogar vermissen, wenn der Autor es einstellte, aber meine wesentlichen Körperfunktionen sind von der Blogosphäre komplett unabhängig. Und das ist auch gut so. Loriots Bonmot “Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos” lässt sich also kaum auf die Welt der Blogs übertragen. Ich bin, und auch das haben die Leser im Lauf des Jahres gelernt, ein vehementer Verfechter von Meinungsfreiheit und –vielfalt und ein großer Freund des gepflegten Disputs. Und es ist kein Geheimnis, dass ich mitunter gerne des Teufels Advokaten spiele, um eine Diskussion zu beleben. Vor diesem Hintergrund begrüße ich eine lebendige Blogosphäre. Andererseits – und dieses Problem ist praktisch so alt wie das Internet selbst – macht die ständig wachsende Menge verfügbarer Informationen es dem Leser schwer, die aus der jeweils persönlichen Sicht interessanten und relevanten Dinge aus dem unüberschaubaren Wust veröffentlichten (Halb-) Wissens herauszufiltern. Vor einigen Jahren macht das Wort von der “information glut”, der Informationsschwemme, die Runde. Als Qualitätsfanatiker bin ich also geneigt zu sagen: “Weniger ist mehr!” Last but not least bin ich aber auch ein Freund des Konzepts des mündigen Bürgers, des Menschen also, der eigenverantwortlich entscheiden darf, kann, soll und muss. Und aus dieser Richtung kommend bedeutet eine größere Auswahl auch eine größere Entscheidungsfreiheit. Braucht das Internet also noch ein Blog? Für mich selbst würde ich die Frage mit Radio Eriwan beantworten: Im Prinzip nein…
Fehlt der Welt ein weiterer Selbstdarsteller?
Egal wie kurz oder wie lang man über diese Frage nachdenkt, sie bleibt rein rhetorisch und die Antwort lautet: Nein. Selbstdarsteller gibt es in allen Formen, Farben und Größen an praktisch jeder Straßenecke und im Doppelpack. Wir brauchen nicht einmal den Browser zu öffnen, um sie zu sehen. In immer kürzeren Abständen werden sie auf praktisch allen Fernsehkanälen vorgeführt, wir müssen Vier-Buchstaben-Abkürzungen wie DSDS und GNTM bemühen, um einen Hauch von Ordnung in die Reizüberflutung zu bringen, und fragen uns schließlich, ob die verkrachte Existenz, die gerade beim perfekten Promi-Dinner drittverwertet wird, das Top Model der aktuellen, der Superstar der letzten oder doch der Popstar der vorletzten Saison ist. Eine Welt, in der Bauern, die gerade noch Frauen gesucht haben, im nächsten Moment als Handyklingelton zweifelhaften Ruhm erlangen, scheint regelrecht nach Selbstdarstellern zu schreien. Aber der Markt ist übersättigt und deshalb sind die Verdienstaussichten in der Egostriptease-Branche denkbar schlecht. Die wenigen Talente erkennen frühzeitig Nischen und erklären sich zum Beispiel zum König von Mallorca. Die weniger Begnadeten landen früher oder später an der Discounter-Kasse – was eine durchaus ehrbare Tätigkeit ist, die Möglichkeiten der Selbstvermarktung aber erheblich einschränkt.
Ein Jahr ist schnell vorüber…
Vor einem Jahr vermutete ich, dass das Bloggen mir Spaß machen könne. 366 Tage später kann ich sagen, dass dem so ist. Ich schreibe nach wie vor gerne und freue mich darüber, wie aus Ideen Worte, aus Worten Sätze, aus Sätzen Absätze und aus Absätzen Geschichten werden. Aus über 180.000 Worten sind so 285 Artikel entstanden. Und es ist in der Tat so, dass die Freude am Schreiben die Befriedigung des Gelesenwerdens überwiegt. Selbstverständlich freue ich mich, wenn meine Texte gelesen werden, umso mehr, wenn sie Gefallen finden, und noch mehr, wenn ich Rückmeldungen erhalte – aber auch das habe ich erst kürzlich recht ausführlich dargelegt. Meine geschätzte Leserschaft steuerte so innerhalb eines Jahres weitere gut 85.000 Worte in mehr als 1.700 Kommentaren bei. Dafür an dieser Stelle vielen Dank!
Als bloggender Läufer – und ich lege großen Wert darauf, kein laufender Blogger zu sein –, fragt man sich früher oder später, in wie weit die beiden Hobbys Laufen und Bloggen miteinander zu tun haben. Zwar gäbe es dieses spezielle Blog nicht, wenn ich nicht liefe, möglicherweise würde ich aber zu einem meiner vielen anderen Interessengebiete schreiben, die Bloggerei ist insofern also ziemlich unabhängig von der Lauferei. Umgekehrt war ich schon lange Läufer, bevor ich dieses Blog ersann, und ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Läuferleben mein Bloggerdasein überdauern wird. Hat die Bloggerei mein Läuferdasein beeinflusst oder gar verändert? Nach längerer Überlegung lautet die Antwort einmal mehr “nein” – und zwar entschieden. Ich lege zu viel Wert darauf, mein Leben in der real existierenden Welt von der Schaumschlägerei im virtuellen Raum zu trennen, als dass flüchtige Bits und Bytes mein Denken und Handeln nachhaltig beeinflussen könnten. Andersherum wird natürlich ein Schuh draus: Ohne meine Erlebnisse im echten Leben wäre dieses Blog weitgehend inhaltsfrei.
Sind wir nicht alle ein wenig Anfänger?
Auch im Jahr Zwei meines Bloggerlebens befinde ich mich nicht auf einer Mission, ich bin nach wie vor kein religiöser Lauffanatiker und mein Bedürfnis Nichtläufer zu bekehren hält sich weiterhin stark in Grenzen. Trotzdem frage ich mich, ob ich den selbstgewählten Titel des “ewigen Anfängers” noch zu Recht führe. Im vergangenen Jahr blieb ich – von kleineren Zipperlein einmal abgesehen – von Verletzungen im wesentlichen verschont. Motivationslöcher gab es sicher, aber in denen saß ich schlimmstenfalls wenige Tage, kaum eine Woche und schon gar nicht monatelang. Immer seltener erwische ich mich dabei, wie ich mit zur Faust geballtem Gesicht laufe, immer öfter vermute ich ein Lächeln auf meinen Lippen, und nach besonders harten Trainingseinheiten strahle ich unverständlicherweise wie ein Honigkuchenpferd. 3.021 Laufkilometer stehen für mein erstes Blogjahr zu Buche, knapp 60 Kilometer pro Kalenderwoche im Jahresmittel – das dürfte das Pensum des durchschnittlichen Anfängers doch ein wenig übersteigen. Über 300 Stunden war ich in Laufschuhen unterwegs und habe dabei annähernd 300.000 Kilokalorien verbrannt – das Äquivalent von mehr als 500 Tafeln Schokolade oder rund 700 Litern Bier. Mein Herz schlug während der Laufeinheiten grob gerechnet 2,7 Millionen mal. Ich besuchte zwei Trainingslager, stellte vier persönliche Bestzeiten auf und belohnte mich ultimativ selbst bei meinem Marathondebüt.
Widerspreche ich mir selbst? Kann es denn wirklich Zufall sein, dass mein erstes – und hoffentlich nicht letztes – nicht durch längere Pausen unterbrochenes Laufjahr genau in meinem ersten Bloggerjahr lag? Ich behaupte: Ja, es war Zufall. Die Motivation, das zu tun, was ich tat, kam von innen. Und nein, ich kann es nicht in bessere Worte fassen. Und wenn ich es könnte, würde ich einen Bestseller schreiben und mich auf ein sorgenfreies Leben freuen. Ausnahmsweise fügte sich eben alles zusammen. Im Frühjahr erkannte ich in den beiden erwähnten Trainingslagern, dass die nicht eben beliebten Dehn-, Kräftigungs- und Stabilisierungsübungen mir persönlich gut tun und mein Verletzungsrisiko erheblich verringern. Stretching und Crunches werden vermutlich nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehören, aber sie erlauben mir, meinen doch eher schweren Leib verletzungsfrei über verhältnismäßig lange Strecken zu schleppen. Die größeren Laufumfänge nahmen – ohne dass ich das bewusst gesteuert hätte – Einfluss auf meine Ernährung. Der Körper schrie nach mehr Obst und Gemüse, der Appetit auf Süßes verschwand zwar nicht, trat aber in den Hintergrund. Ich bin nach wie vor Genussmensch, aber ich genieße eine Spur anders. Gerade das Quäntchen anders genug, dass der Körper es mir mit größerem Wohlbefinden, besserer Gesundheit und vor allem mehr Freude am Laufen dankt. Und das Beste daran ist – außer zu regelmäßigen Übungen auf der Gymnastikmatte musste ich mich zu nichts zwingen, es passierte einfach.
Möglicherweise war es also der ewige Anfänger in mir, dieses immer neugierige und wissenshungrige Kind im Mann, dass mich Anregungen von außen aufnehmen und so zu einem effektiveren Läufer werden ließ. Ich laufe viel, ich laufe gerne und bin, so glaube ich, an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr laufen will oder darf, sondern schlichtweg laufen muss. Bin ich vor einem Jahr angetreten, der durch Hochglanzmagazine weichgespülten Läuferwelt die hässliche Fratze des Laufens zu zeigen, so muss ich heute gestehen: Ganz so hässlich finde ich diese Fratze eigentlich gar nicht mehr. Auch an dieser Stelle hat der ewige Anfänger also etwas dazu gelernt. Und wenn ich mir zum Blogjubiläum etwas wünschen dürfte, dann wäre es vermutlich in der Tat, auf ewig Anfänger oder eben ein Stück weit Kind bleiben zu dürfen, immer wieder mit großen, staunenden Augen Neues entdecken zu können und niemals auszulernen. Und ist nicht jeder Mensch ein Anfänger – auf fast jedem Gebiet?
Aber: Laufen macht eben nicht immer und ausschließlich nur Spaß. Menschen, die das für sich in Anspruch nehmen, bleiben mir suspekt. Es gibt sie einfach, die Tage, an denen man schlichtweg keine Lust hat. Die Wochen, in denen sengende Sonne den Laufgenuss erheblich stört. Die Monate, in denen Eis und Schnee jeden Lauf zum Abenteuer werden lassen. Und die Laufeinheiten, die nicht enden wollen, weil es eben einfach nicht läuft. Und ich werde auch in Zukunft darüber schreiben. Daneben bin ich mir sicher, dass auch mein zweites Blogjahr voller tollkühner Versprechungen der Laufartikelindustrie sein wird. Aberwitzige Studienergebnisse werden belegen, was Otto Normalläufer seit 30 Jahren schon weiß. Und mit großer Wahrscheinlichkeit wird mindestens ein neuer selbsterklärter Guru vom Läuferolymp herabsteigen, um uns Nichtsahnenden mit einem revolutionären Trainings- oder Ernährungskonzept den letzten Euro aus der Tasche ziehen zu wollen. Als dankbare Konsumopfer werden wir Läufer schon dafür sorgen, dass mir der Stoff für dieses Blog nicht ausgeht.
In diesem Sinne: Bleibt neugierig!
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Lars, als Allererstes bin ich verärgert. Während ich einen Satz lese, macht es “bling” und ich denke X dazu und was beinhaltet dann Dein nächster Satz? Genau: X!
Will heißen, ich will was furchtbar Schlaues schreiben ala “ewiger Anfänger” paßt schon noch, weil…. und Du schreibst es schon selbär. Pff.
Du bist ein guter Selbstreflektekeklekeloquentirierer.
Und was den Kampf gegen die Maschinen angeht: Also hast Du zumindest Terminator gesehen. Brav.
Und dafür, daß Du das Bild von Dir so lange nur dem suchenden Leser zur Verfügung gestellt hast, verlinkst Du es jetzt aber recht oft, eh?
Mir fällt jetzt nix Geistreiches ein, also muß ich einfach nett sein. Mach bitte weiter so. Mir gefällt`s hier, wenn ich mal von Deinen beneidenswerten Jahreskilometern und Deiner beneidenswerten Ausdrucksweise absehe.
Glückwunsch zum Jubiläum!
Uff! Ca. 2.000 Wörter und 11.500 Zeichen später gebe ich zu, es würde mir defenitiv etwas fehlen, wenn du nicht mehr weiter schreiben würdest. Auch wenn es öfter schwierig ist, dieser Menge Herr zu werden.
Bedingt aber durch deinen unnachahmlichen Schreibstil ist (fast) jede deiner Geschichten sehr kurzweilig und lesenswert!
Ich hoffe also, dass der blogende Läufer in dir noch viele Jubiläen feiert!
Gratulation – Reinhard
Reinhard, zunächst einmal natürlich vielen Dank für Deine freundlichen Worte.
Und jetzt, da Du es schreibst – ja, ich habe einen Hang zu längeren Texten. Oder, um es mit Evchen zu formulieren: “Ich mag Filme, keine Serien”. Das liegt vermutlich einfach daran, dass ich gerne schreibe.
An der länge meiner Beiträge wird sich sicher auch in Jahr Zwei nichts ändern – zumal es ja Leser zu geben scheint, die das – trotz knappem Zeitbudget – zu schätzen wissen.
Ich möchte Dir auch herzlich zum Blog-Jubiläum gratulieren. Mach einfach weiter so wie bisher, mit schönen langen wie lesenswerten Beiträgen. Da schaue ich gerne immer wieder vorbei.