Ich laufe für…

Wer schon einmal das Teilnehmerfeld einer größeren Laufveranstaltung vor sich her getrieben hat, der hat auch sie schon gesehen: Läuferinnen und Läufer, die auf ihren Funktionsoberteilen mehr oder minder sinnhaltige Parolen mehr oder minder politischen oder weltanschaulichen Inhalts öffentlich zur Schau stellen. “Ich laufe für die Einführung der parlamentarischen Demokratie im Staat Vatikanstadt!”, dürfen wir da beispielsweise lesen. Oder auch: “Ich laufe gegen die Zweckentfremdung der Top-Level-Domain von Tuvalu!” Beliebt sind auch militant-vegane, dafür mitunter aber geistreiche Sprüche der Art: “Ich laufe gegen Tierquälerei! Und weil Du ein Fleischfresser bist, siehst Du mich nur von hinten!” Sehen wir einmal davon ab, dass jeder Mensch, der seine Sinne auch nur halbwegs beisammen hat, viele dieser Forderungen sofort unterschreiben würde: Niemand, der noch bei Trost ist, würde sich etwa dem Ruf nach Achtung der Menschenrechte in – zum Beispiel – China verschließen. Trotzdem bleibt ein sogenannter Wettkampf ein denkbar ungeeignetes Forum für derlei Aussagen.

Wenn ich bei Kilometer 35 überhaupt noch klare Gedanken fassen kann, dann werden die sicher nicht um die Bekämpfung der Diabetes auf Nauru kreisen. Auf dem letzten Loch pfeifend kann ich mich höchstens noch für den nächsten Versorgungspunkt interessieren – und ob die dort ausliegenden Bananen auch fair gehandelt wurden, ist mir zumindest zu diesem Zeitpunkt scheißegal. Selbst in der ersten Hälfte des Rennens regt mich ein “Vegetarier können länger” weniger zum Nachdenken an, als vielmehr dazu, dem halb verhungerten Männchen im Phrasenleibchen zu zeigen, dass tierische Eiweiße zumindest schneller machen. Ich bin ja vor der Start- und hinter der Ziellinie jederzeit zu einem Gedankenaustausch über die Vereinheitlichung des Bildungssystems in Andorra bereit, aber auf den dazwischen liegenden Metern möchte ich mich einfach nicht mit den kleinen und gleich gar nicht mit den großen Wehwehchen der Welt befassen. Laufen wir nicht alle – unter anderem – auch deshalb, weil wir beim Laufen eben auch mal an nichts denken müssen? Ich betrachte mich durchaus als politisch engagierten und interessierten Menschen – aber gegen Laufveranstaltungen als politik- und weltanschauungsfreie Zonen hätte ich nichts einzuwenden.

Laufen an sich ist zunächst einmal vollständig aussagefrei. Ich laufe ausschließlich für mich und nur gegen mein eigenes Körperfett – und selten auch mal gegen die Uhr. Ich laufe mangels Talent und Können nicht einmal gegen andere Läufer. Und wenn ich mein Tagesziel erreicht habe, dreht sich diese unsere Erde davon völlig unberührt immer weiter – in all ihren hübschen und hässlichen Facetten. An dieser schlichten Tatsache wird sich selbst dann nichts ändern, wenn ich mir einen noch so geistreichen Slogan auf mein Laufshirt male. Ich könnte ebenso gut einen Scheit Holz mit mir herumtragen – im günstigsten Fall könnte ich dadurch sogar aufgrund des Zusatzgewichts einen höheren Trainingseffekt erzielen. Mir fehlt jedes Bedürfnis, meiner Lauferei einen anderen Sinn als eben den des Laufens selbst zu geben. Die wenigen wöchentlichen Laufstunden sind für viele von uns ein Refugium der Sinnfreiheit – und warum sollte ich diesen Urlaub vom Alltag ohne Not mit zusätzlichen Problemen belasten?

“Heureka!”, wird die eine oder andere Leserin jetzt in einem Moment des vermeintlichen Triumphs rufen. “Wirbst Du nicht auf Deinem Blog für den RUN4HAITI? Sollen bei der Blogathlon-Deutschland-Staffel nicht auch Spenden gesammelt werden? Und hast Du nicht im letzten Jahr an einer Charity-Staffel teilgenommen?” Angesichts des scheinbaren Widerspruchs wird der eine oder andere Leser jetzt möglicherweise hoffen, dass ich mich in ein Logikwölkchen auflöse. Das allerdings habe ich in der nahen Zukunft ebenso wenig vor, wie zu beweisen, dass schwarz gleich weiß ist, nur um auf einem Zebrastreifen ums Leben zu kommen. Die drei genannten Projekte (und zwei weitere, an denen ich im weitesten Sinn beteiligt bin) haben allerdings gemeinsam, dass sie weder an eine politische noch an eine weltanschauliche Aussage geknüpft und damit zumindest auf den ersten Blick wertfrei sind.

Bleiben wir beim Beispiel Haiti: Ich bin kein sonderlich gefühlsduseliger Mensch, aber die Nachrichtenbilder haben in mir so etwas wie Betroffenheit oder auch Mitleid ausgelöst – wie vermutlich in jedem anderen Menschen, der noch zu Empfindungen fähig ist. In meinem Fall sind es weniger die Bilder von Toten, die mich erschüttern – für diese Menschen kommt ohnehin jede Hilfe zu spät. Mich haben vielmehr die Aufnahmen marodierender bewaffneter Banden erschreckt, die andere Überlebende ihrer ohnehin viel zu knappen Nahrungsmittel beraubten. Wecken die vielen schrecklichen Bilder nicht in uns allen ein gewisses Bedürfnis, helfen zu wollen? Oder umgekehrt: Wünschten wir uns nicht auch Hilfe, egal woher, wenn unsere gesamte Existenz durch eine Naturkatastrophe zerstört worden wäre? Bleibt die Frage: Was kann ich als Einzelperson tun? Für mich persönlich hat eine Geldspende immer den leicht schalen Beigeschmack des Sich-Freikaufen-Wollens. Viel lieber möchte ich unmittelbar und persönlich helfen. Sicher, ich könnte mich bei einer der vielen Hilfsorganisationen melden, versuchen, so nach Haiti zu kommen und direkt vor Ort etwas zu tun. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde ich dort aber eher hinderlich als hilfreich sein, denn nach Versicherungsvertretern und Telefonhörerdesinfizierern dürften Softwareentwickler so ziemlich das Letzte sein, was die Menschen auf Haiti derzeit benötigen.

Aus meiner Sicht ist es also durchaus sinnvoll, die Menschen, die sich auf Katastrophenhilfe spezialisiert haben, finanziell zu unterstützen, statt ihnen im Weg herumzustehen. Spitz formuliert könnte ich auch schreiben, dass eine Geldspende nur der Ausdruck meiner eigenen Hilflosigkeit ist. Ich bin mir durchaus auch der verschiedenen Probleme bewusst: Die in der Aktion Deutschland Hilft, der die im Rahmen des RUN4HAITI gesammelten Spenden zu Gute kommen werden, zusammengeschlossenen Organisationen werden nicht gerade an erster Stelle genannt, wenn es um die effiziente Verwendung von Spendengeldern geht. Aber machen wir uns doch nichts vor: Eine größere Organisation kann sicher mehr und bessere Hilfe leisten als eine kleinere – ein großer Apparat erfordert aber eben auch ein gewisses Maß an Verwaltung, die ihrerseits wieder Geld kostet. Es ist eine Illusion, dass irgendeine Hilfsorganisation auf dieser Welt wirklich jeden einzelnen Cent zu den Menschen vor Ort bringen kann.

Zwei weitere Fragen wirft zum Beispiel der Sinusläufer auf: Besteht nicht die Gefahr, dass aufgrund von Korruption und mangelnder Strukturen die Hilfsgelder irgendwo versickern, bevor sie die Menschen erreichen, die darauf angewiesen sind? Und so notwendig die Erstversorgung auch ist, muss nicht jetzt schon an langfristige, strukturelle Hilfe gedacht werden? In Bezug auf die erste Frage gibt es zwei Alternativen: Positiv denken und hoffen, dass ein großer Teil der Hilfe auch dort ankommt, wo er benötigt wird. Oder schlichtweg nichts tun. Jeder mag für sich selbst entscheiden, welche Alternative die bessere ist. Die zweite Frage klammere ich für mich selbst aus – mir geht es darum, die Not- und Erstversorgung zu unterstützen. Die Frage der strukturellen Nachhaltigkeit ist aus meiner Sicht für den Moment nachrangig. Zudem fällt sie in den politisch-weltanschaulichen Bereich und geht damit über den Rahmen dieses Artikel hinaus. Das chinesische Sprichwort “Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern.” unterschreibe ich zwar grundsätzlich, aber eine Naturkatastrophe zum Anlass nehmen zu wollen, um einen Land eine Infrastruktur aufzuzwingen, hat für mich einen kolonialistischen Beigeschmack.

Ich laufe, wenn ich laufen will. Ich spende, wenn ich spenden will. Beides tue ich, aber in der Regel getrennt voneinander.” Diese Zeilen las ich unlängst in einer Diskussion zu einem ähnlich gelagerten Thema. Ich kann mich dieser Ansicht nicht völlig verschließen – Laufen und Spenden sind zwei komplett verschiedene und vollständig voneinander unabhängige Tätigkeiten. Ich wäre sicher auch ohne den RUN4HAITI am kommenden Sonntag um die 20 Kilometer gelaufen. Aber ich hätte ebenso sicher keinen Gedanken an eine Spende für die Erdbebenopfer verschwendet, wenn Hendrik seine Idee nicht verfolgt hätte. Ich halte nichts von krampfhaften Versuchen, Spenden durch laufen oder Laufen durch spenden zu rechtfertigen. Aber über meine Freude am Laufen hat Hendrik meine Bereitschaft zu spenden geweckt – und insofern darf man den RUN4HAITI bereits jetzt als Erfolg bezeichnen. Ich will nicht verhehlen, dass es mir ein gutes Gefühl gibt, mich in der Gesellschaft Hunderter anderer Läufer zu befinden; die Wahrscheinlichkeit, dass sich so viele Menschen gleichzeitig irren, ist einfach relativ gering. Und gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten, finde ich ohnehin generell befriedigender, als einsam vor sich hin zu puzzeln. Und wenn die vielen Zeilen dieses Artikels auch nur eine weitere Läuferin oder einen weiteren Läufer dazu bewegen, eine Spende zumindest in Erwägung zu ziehen, dann hat sich meine Mühe sogar richtig gelohnt.

Sport für Spenden-Laufshirt (Rückseite)Da ich selbst ein großer Freund von Aktionen bin, die in meiner unmittelbaren Nachbarschaft so Hilfe leisten, dass ich es praktisch sehen kann, möchte ich die Gelegenheit nutzen, zwei weitere Projekte vorzustellen. Als Beispiel für viele andere kleinere Aktionen sei hier Melanies und Steffens Idee “Laufend etwas bewegen!” zu Gunsten der Obdachloseninitiative Rheinland-Pfalz genannt. Die Runningfreaks zeigen, dass man auch mit verhältnismäßig geringem Aufwand etwas auf die Beine stellen kann. Als Wahlbayer sei mir verziehen, dass ich an einer auf Rheinland-Pfalz beschränkten Aktion nicht teilnehme. Mir persönlich liegt die Münchner Initiative “Sport für Spenden” da natürlich näher. Die Idee ist bestechend einfach und könnte eigentlich auch in anderen Städten Schule machen: Läuferinnen und Läufer aus München und Umgebung stellen bei ihren Wettkampfteilnahmen ihre Oberbekleidung als Werbefläche zur Verfügung. Die Initiative sammelt Spenden von Kleinsponsoren, lässt Laufshirts mit der entsprechenden Werbung bedrucken und verteilt sie kostenlos an die teilnehmenden Läufer. Über den Spendenzweck des folgenden Jahres stimmen die Teilnehmer jeweils am Jahresende ab. Auf diese Weise konnte zum Beispiel Ende des letzten Jahres ein vierstelliger Betrag an die Münchner Kindertafel Glockenbach übergeben werden. Die Läufer können natürlich, müssen aber nicht selbst spenden. Und da mir persönlich vollkommen egal ist, ob nun der Hersteller selbst oder ein lokaler Tieraugenarzt auf meinen Laufshirt wirbt, finde ich diese Aktion unterstützenswert.

Laufen und Spenden mögen nichts miteinander zu tun haben – aber sie ergänzen sich mitunter recht gut.

Diesen Artikel weiterleiten:

  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • LinkArena
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • StumbleUpon
  • Netvibes
  • Technorati
  • Twitter
  • Wikio
  • email

Schlagworte: , , , , , , , , , ,

1 Kommentar zu „Ich laufe für…“

  1. Hendrik sagt:

    Danke für diesen tollen Artikel! Er enthält viele der Gedanken, die mich dazu gebracht haben, RUN4HAITI ins Leben zu rufen. Und Artikel wie dieser zeigen mir, dass die Aktion wirklich etwas bewegt. Danke!

Kommentieren

Unter dem Kommentarfeld siehst du eine Vorschau Deines Kommentars. Sollte Dein Kommentar nach dem Abschicken nicht erscheinen, wurde er vermutlich als Spam erkannt - das kann zum Beispiel passieren, wenn er Links enthält. Aber keine Sorge, ich überprüfe den Spamfilter regelmäßig und schalte Deinen Kommentar dann frei. Also bitte nur einmal auf "Senden" klicken! In seltenen Fällen kann es auch vorkommen, dass man die Seite im Browser aktualisieren muss - dazu bitte F5, Strg-F5 oder Strg-R drücken.


Vorschau



Blogverzeichnis   Bloggeramt.de   Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de   Bloggernetz - der deutschsprachige Pingdienst   Add to Technorati Favorites   Blog Top Liste - by TopBlogs.de   Trigami

© 2009-2010 Semper Tiro