Winterwetterwundertüte

Gegenwind auf dem Rückweg - muss man nicht unbedingt haben

Ganz ehrlich: Dieser Winter zermürbt mich deutlich weniger als der letzte. Laufen ist ganz unbestritten kein Wintersport, und im letzten Jahr hatte ich um diese Zeit die Schnauze schon gestrichen voll von Eis, Matsch und Schnee. In diesem Jahr geht mir die kalte Jahreszeit noch nicht ganz so stark auf die Nerven – aber bis zum Frühling ist es ja auch noch eine Weile hin. Gestern jedenfalls hatte ich so richtig Lust auf einen langen Lauf – es war knackig kalt, der Himmel stahlblau, eine feine Pulverschneedecke lag wie Puderzucker über der Landschaft und die strahlende Sonne ließ das alles noch einmal so schön aussehen. Auf meiner kleinen Aufwärm- und Erkundungsrunde durch das Städtchen waren die Wege frei oder zumindest sehr gut zu belaufen, und alles deutete auf perfekte 20 Kilometer hin.

Vermutlich hätte es mir zu denken geben sollen, als mir nach rund fünf Kilometern eine Dame mittleren Alters auf dem Gehweg begegnete – auf Langlaufskiern. Es gibt für meinen persönlichen Geschmack ja wenig unästhetischeres als Menschen, die ihre Langlaufski nicht beherrschen. Ein furchtbares Herumgestakse ist das, Nordic Walking mit Brettern unter den Füßen eben. Vielleicht hätte ich mir mal Gedanken darüber machen sollen, wo denn wohl der ganze Schnee geblieben sein könnte, den die Dame ja offensichtlich irgendwo zu finden glaubte. Aber auf den nächsten vier Kilometern befand ich mich auf meiner Lieblingspiste in Richtung See – schnurgerade, kaum spürbares Gefälle, ausreichend geräumte Wege und um das Glück annähernd perfekt zu machen auch noch ein Hauch von Rückenwind. Wer denkt denn da schon über mögliche Hindernisse nach? Und auch der sich langsam bedeckende Himmel tat meiner Euphorie keinen Abbruch.

Nach neun Kilometern muss ich dann nach links auf einen Feldweg abbiegen, wenn ich nicht die gleiche Strecke zurücklaufen will. Will ich aber nie, das ist etwas für Anfänger oder Ortsunkundige. Am Feldweg angekommen wird mir schlagartig klar, wo der ganze Schnee, der auf Straßen und Wegen fehlt, hingekommen sein muss: Offensichtlich genau auf diese 750 Meter Feldweg. Aber diese schöne, glitzernde, glatte Oberfläche mit den ganz sanften Verwehungen sieht so einladend aus, und außerdem sind da auch Fahrradspuren im Schnee – für Schlittenspuren sind sie jedenfalls klar zu schmalspurig, für Skispuren viel zu fein. Also mit 5:30er-Pace hinein ins Vergnügen. Erster Schritt, Fuß sinkt bis Oberkante Schuh ein: Das läuft, die Schneedecke ist kompakt genug! Zweiter Schritt, Fuß sinkt bis zum Knöchel ein: Alles im grünen Bereich, bis zum Knöchel ist in Ordnung! Dritter Schritt: Bein verschwindet bis zu Mitte der Wade in der ersten Schneewehe: Oh, das könnte anstrengender werden als erwartet. Vierter Schritt, rechtes Knie verschwindet im Schnee: Kämpfen! Übergang zum Kniehebelauf.

Ungefähr nach dem achten Schritt muss ich ziemlich bescheuert aussehen: Das linke Bein bis zum Oberschenkel, das rechte Bein bis zur Hüfte im Schnee. Beim Befreiungsversuch rutsche ich aus dem rechten Schuh, der füllt sich mit Schnee, ich bekomme ihn trotzdem mit dem Fuß wieder zu fassen. Kalt! Ich schnaufe wie eine Dampflok und die Zahlen auf meiner Pulsuhr erinnern mich höflich daran, gelegentlich doch auch mal wieder einzuatmen. “I am just going outside and may be some time”, schießen mir die letzten Worte durch den Kopf, die Robert Scott dem ebenso legendären Captain Oates in den Mund gelegt hat. Verdammt, ich stecke hier im Schnee fest und habe nicht einmal einen Schlittenhund dabei, von dem ich mich bis zum Frühjahr ernähren könnte. Umkehren, denke ich so bei mir, ist keine Option – das hieße ja den Schwanz einkneifen. Aber da mein Gemächt ohnehin gerade schockgefrostet wurde gibt es auch nicht mehr viel einzukneifen. Und in der Hoffnung, dass niemand meinen peinlichen Ausflug in den Tiefschnee beobachtet hat, stapfe ich die paar Meter zurück auf den rettenden Feldweg.

Natürlich stehen da am Wegrand zwei Hundehalterinnen mit vier riesigen Tieren, die verdammt lecker aussehen (die Hunde, nicht die Halterinnen), und schauen etwas besorgt drein. Mir ist danach, Sie anzubrüllen: “For God’s sake look after our people.” Aber mein Körper behauptet, weit jenseits der aerob-anaeroben Schwelle zu sein und ich huste nur ein wenig. Ich muss ein paar Minuten gehen, um den Puls unter eine lebensbedrohliche Schwelle zu bringen. Dann trabe ich wieder los. Was auf dem Hinweg ein angenehmes Gefälle war, nimmt sich jetzt aus wie der Anstieg nach L’Alpe d’Huez. Der Wind hat aufgefrischt, der eben noch hauchzarte Rückenwind peitscht mir jetzt eisig ins Gesicht. Besonders perfide ist, dass ich auf dem Rückweg immer das Wärmekraftwerk mit seinen Schornsteinen im Blick habe, und der waagerecht abgehende Qualm macht mir klar, dass ich nicht nur gefühlt gegen starken Wind anrenne. Ausgesprochen demotivierend. Die Sonne ist hinter dicken, grauen Wolken verschwunden, aus denen es schneit wie schon lange nicht mehr.

Aber ich bin eine verfluchte Maschine, kein verdammtes Ersatzteil. Die 20 mache ich heute voll. Also noch eine Runde um den See, die etwa doppelt so lang wird wie sonst, weil ich Slalom um die halbe Welt laufen muss, die ausgerechnet jetzt und hier ihren Sonntagsspaziergang zelebriert. Der letzte Anstieg in Richtung Dorf bricht mich. Gegenwind und giftige Steigung, während ich in wenigen Metern Entfernung auf dem Rodelhügel buntes und fröhliches Treiben sehe. Meine Knie schmerzen und meine Bronchien brennen, als hätte ich gerade zwei Packungen Rot-Händle (ohne Filter) Kette geraucht. Ein paar Schritte gehen, ein paar Schritte traben. Zwei weitere Skifahrerinnen schauen mir amüsiert zu. Wieder gehen. Wieder traben. Und so weiter. Und irgendwann bin ich nach 20 Kilometern auch tatsächlich wieder zu hause, fertig wie selten zuvor. Und stolz. Dieser Winter wird mich nicht kleinkriegen! Jedenfalls nicht heute!

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8 Kommentare zu „Winterwetterwundertüte“

  1. Gerd sagt:

    Lass dich nicht kleinkriegen! ;-)

  2. Hannes sagt:

    Lars – solche Laufberichte braucht die Welt. An vielen Ecken wird es mit der Zeit immer langweilig zu lesen – hier nicht.

    Hab dank dafür, stolzer Mann, das kannst du sein.

  3. marcus sagt:

    Respekt, Respekt! Durch solch auferlegten Regeln erlebst Du natürlich was. Schön das.

    Ich oller Anfänger bin gestern nur Runden gelaufen. Hin und Her. Und die ganze Zeit mit Musik.

  4. Evchen sagt:

    Hm. Gestern Abend habe ich noch überlegt, ob ein Anfänger einem Fortgeschrittenen ;-) zurückschreiben “darf”: brav gekämpft!, aber ich finde schon. Hasde jud jemaachd.

  5. Thomas sagt:

    Hier im Südhessischen Raum gab es nur Sonne satt und größtenteils festgetretenen Schnee. Traumhafte Winterlaufbedingungen also.

    Aber du hattest ja sicher auch das Ziel, dein Spendenlimit für Haiti zu erreichen. :-)
    Dafür quält man sich ja auch mal gerne ein bisschen.

    Danke auf jeden Fall für den Tip. Wir waren auch unterwegs und haben dank deines Hinweises dann die 2×12km an run4haiti gespendet.

  6. Hoffentlich sind alle zentralen Teile wieder aufgetaut!? ;-)

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