Älter heißt reifer

asics Gel-Kayano X nach 1769 kmSeitdem ich mein erstes richtiges Paar Laufschuhe besitze, frage ich mich, woran mal wohl merkt, dass die guten Stücke verschlissen sind und man nicht mehr in ihnen laufen sollte. Bei “Straßenschuhen” ist das leicht: Wenn ihr Äußeres selbst nach einer ausgiebigen Schuhcremekur nur noch missbilligende Blicke der Partnerin provoziert, treten sie ihre letzte Reise zum Altschuhcontainer an. Diesen Maßstab kann ich an Laufschuhe unmöglich anlegen – dann müsste ich nach jedem zweiten Lauf zum Dealer meines Vertrauens schleichen. Die Laufschuhersteller selbst halten ihre High Tech Produkte allerdings auch nicht für sonderlich belastbar – eine prognostizierte Lebensdauer von bis zu 1.200 Kilometern liegt da schon weit über dem Durchschnitt. Der Pessimismus der Produzenten wundert freilich nicht weiter, denn schließlich sollen wir ja in der nächsten Saison das Nachfolgemodell unseres Lieblingsschuhs kaufen. Vor diesem Hintergrund ist es sicher kein Zufall, dass die von den Herstellern empfohlenen 500 bis 1.200 Kilometer in etwa der Strecke entsprechen, die ein Läufer pro Jahr in einem Paar Schuhe zurücklegt.

Da ich als überdurchschnittlich schwerer Läufer die maximale Traglast praktisch aller gängigen Laufschuhmodelle überschreite, müsste meine Bereifung eigentlich auch überdurchschnittlich früh den Geist aufgeben. Aber offensichtlich bin ich nicht sensibel genug, die viel zu leisen Hilfeschreie meines Schuhwerks wahrzunehmen. Das bloße Auge hilft ohnehin nicht wirklich weiter, denn selbst wenn man die Schuhe von ihrer Patina befreien wollte, ließen sich Mikrorisse in der Zwischensohle kaum ohne entsprechende Vergrößerung erkennen. Und da ich zu starke Dämpfung und übertriebene Stabilisierung schon lange vor der aktuellen Diskussion um die Gelenkbelastung durch moderne Laufschuhe als störend empfand, fühle ich mich in ausgelatschten Schlappen möglicherweise sogar wohler als in neuen. Für mich steht völlig außer Frage, dass Barfußlaufen die gesündeste Form der Fortbewegung ist. Die Aufgabe des idealen Laufschuhs besteht also in erster Linie darin, die empfindliche Fußsohle vor dem zu schützen, was andere Bioformen auf den Wegen hinterlassen, und gerade das an Dämpfung auszugleichen, was den natürlichen Bodenbelägen durch die Zivilisation verloren gegangen ist. Vielleicht bietet mir erst ein völlig plattgetrampelter High Tech Schuh genau dieses Gefühl. Gewagte These: Laufschuhe altern nicht, sie reifen.

asics Gel-Kayano X nach 1769 km - FerseUnd so überlege ich gerade, ob ich mich wirklich von einem meiner Lieblingspaare trennen sollte. Meine ältesten Pferdchen im Stall sind annähernd sechs Jahre alt, und wenn ich Legenden Glauben schenken möchte, dann müsste der Kunststoff der Dämpfungselemente inzwischen ganz von alleine aus der Zwischensohle bröckeln. Stolze 1.769 Kilometer haben wir Drei zusammen in den Asphalt getreten, aber Probleme haben die beiden mir noch nicht bereitet. Natürlich sind sie mit den Augen eines Nichtläufers nicht mehr wirklich hübsch anzusehen. Das Läuferherz aber schlägt angesichts dieser in Würde erworbenen Patina höher. Die Sohle weist inzwischen weniger Profil auf als Frank-Walter Steinmeier im letzten Bundestagswahlkampf, aber die richtig schnellen Renner in der Formel 1 fahren ja auch auf Slicks. Und gut, im Fersenbereich löst sich die Außensohle inzwischen in Luft auf, aber ein bisschen Schwund hat man ja immer – und Torstens Schuhe sehen schlimmer aus.

Ich will mal sehen, wie weit mich die asics Gel-Kayano X noch tragen werden. Vielleicht werden sie ja noch reifer…

asics Gel-Kayano X nach 1769 km

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16 Kommentare zu „Älter heißt reifer“

  1. Hans sagt:

    Artikel ist toll geschrieben.
    Aber wahrscheinlich kommst Du nun auf den schwarze Liste
    aller Sportschuhehersteller.

  2. Evchen sagt:

    Natürlich bin ich jetzt asap zu meinen zwei Paar Laufschühchen gerannt und habe nach evtl. Anzeichen des Gebrauchs gesucht und ha! Ich wurde sogar fündig (ich trage dick auf). Seltsamerweise sieht mein neuerer Schuh, der jetzt vielleicht 1/6 im Vergleich zu meinem ersten Modell gelaufen hat, unten, hinten, rechts abgelaufener aus als der ältere.
    Tja, also ist das wohl auch kein fester Anhaltspunkt. Und woran merke ich nun wirklich, daß sie durch wären? Warten, bis es zwackt und mich auf mein Gefühl verlassen??

  3. Brennr.de sagt:

    Kein Frage, in einem eingelaufenen Schuh fühlt man sich wohl. Geht mir zumindest auch so. Ich stellte dann aber irgendwann fest, dass die Dämpfung sehr hart wurde. Für mich zu hart. Aber vielleicht hat mich die Evolution und Zivilisation auch nur verweichlicht.

  4. huobaere sagt:

    Älter und reifer! Sollten das nicht eher dem Wein überlassen?
    Natürlich gibt es Schuhe, wie die deinen, die weit über die angesagte “Laufzeit” strapaziert werden können. Und das ist bei dir (wie du es wieder einmal köstlich beschreibst) anscheinend der Fall ;-)
    Wünsch dir damit also noch viele Kilometer – Reinhard

  5. marcus sagt:

    Wieder mal ‘ne schöne Sammlung von persönlichen Glaubenssätzen.

    Wenn Du zu lange mit ‘nem Laufschuh unterwegs bist, steigerst Du die Chance einer Verletzung. Das mit dem Barfußlaufen stimmt, wenn Du ein Mittelfuss- oder Vorfussläufer mit einer sehr gut ausgeprägten Wadenmuskulatur und einer sehr geschmeidigen Achillessehne bist.

    Der Asics Kayano hält nach Angaben meines Schuhverkäufers ca. 300 km mehr als andere Schuhe (auch als andere Asics).
    Der Asics Kayano hat aber eine sehr starke Stütze. Verstehe also Deine Aussage nicht, die Du bezüglich der Stabilisierung triffst.

    Auch Straßenschuhe vertragen mal eine neue Sohle. Es gibt Schuster. Es gibt Läufer, die legen bei ihren Laufschuhen großen Wert auf Qualität, tragen aber tagsüber Casual Schrott.

    Am besten Du gehst in Deinen Laufladen und vergleichst ein neues Paar Kayano mit Deinem alten Paar.

    Test für einen Laufladen/Verkäufer: Du kaufst Schuhe und wenn sie 400-500 km runter haben, bringst Du sie in den Laden und lässt sie beurteilen. Wenn Dir der Verkäufer zu einem neuen Schuh rät, solltest Du diesen Verkäufer meiden.

    Laufschuhe, die über 1600 km runter haben, kannst Du zum Malern oder im Garten benutzen.

    • Das Wort Glaubenssatz klingt in den Worten des Atheisten furchtbar, aber sei’s drum…

      Wenn ich doch an etwas glaube, dann daran, dass die Natur den menschlichen Körper eigentlich ganz gut hinbekommen hat. Schuhe hat die Evolution (noch) nicht vorgesehen. Folglich sind wir zum Barfußlaufen konstruiert – und man braucht eigentlich keine Studie, um das zu zeigen. Sollte in den nächsten Tagen irgendwo ein Baby mit Schuhen an den Füßen zu Welt kommen, könnte das meine Meinung ändern.

      Der Kayano X ist sechs Jahre alt. Zum einen war asics damals noch sparsamer mit den Stützen (es gibt einen Grund, warum sich nach der XI kein Kayano mehr in meinen Schuhschrank verirrt hat), zum anderen mag es sein, dass ich damals mehr Stabilität brauchte.

      400, 500, 1600 Kilometer – ich denke, dass ist alles sehr individuell und von vielen Faktoren abhängig (Gewicht, Laufstil, orthopädische Voraussetzungen, Geländetyp, bevorzugter Belag, …). Ich musste schon Schuhe mit einer Laufleistung von unter 500 km entsorgen, weil sie einfach platt waren, und dann gibt es eben andere, die sind auch nach 1700 km okay.

  6. Bevor Missverständnisse entstehen: Dass ich hier mal ein paar Schuhe bis aufs Dämpfungsmaterial heruntergelaufen habe, heisst nicht, dass ich das grundsätzlich empfehle.

    Mit diesem speziellen Paar ging es eben aus irgendwelchen Gründen mal. Ich habe einige Tausend Kilometer in den Beinen und hatte vielleicht ein Dutzend paar Laufschuhe unter den Füßen und weiß so einigermaßen, was ich tue.

    Aber macht das nicht zu hause nach, liebe Kinder!

  7. Hannes sagt:

    Grundsätzlich ist es ja das, was wir “überall” erleben: Jeder versucht die Umstände möglichst günstig für sich auszulegen. Bei Laufuhren und anderen “Ausrüstungsgegenständen” ist es ja auch nicht so viel anders, wobei es bei den Laufschuhen vielleicht noch eher funktioniert, weil hier die Angst mitspielt, langfristige Verletzungen zu riskieren, wenn man die Schuhe zu lange trägt (was irgendwann ja auch der Fall ist).

  8. ultraistgut sagt:

    Die Vorgabe der Hersteller, dass Laufschuhe nach ca. 1000 – 1.500 Kilometern den Hasen zu geben seien, ist meines Erachtens reine Verkaufsstrategie.

    Ich selbst neige auch eher dazu, einen Schuh früher aus dem Verkehr zu ziehen, als ihn völlig platt zu treten.

    Eine liebe Freundin und Ultra-Läuferin hingegen, läuft z.B. mit den aus unserer Sicht bereits abgewrackten und über 1.000 Kilometern von meinem Mann getragenen nochmals über 4.000 Kilometer (Transeuropa), danach hat sie die Schuhe am Nordkap in den Müll geworfen, ohne Schäden davon zu tragen.

    Geht doch – aber ehrlich – ich mache das nicht – sie ist ohnehin viel härter im Nehmen als z.B. ich.

  9. Marvin sagt:

    Kayanos müssen einfach länger halten als jeder andere Laufschuh. Schon weil es in der Produktinformation heißt, dieser ›State-of-the-Art-Runningschuh‹ wäre ausgerüstet mit allen neuen ›I.G.S.-Technologien‹ inklusive ›SOLYTE-Mittelsohle‹ und ›SPACE-TRUSSTIC‹ mit differenzierter Mittelsohlen-Konstruktion, asymmetrischer Schnürung und weiterentwickelter ›AHAR+‹ im Fersenbereich. Vielleicht kann mir jemand erklären, was dieser surreale Silbensalat bedeutet. Dann hätte ich auch mal einen AHAR-Effekt.

  10. Marco sagt:

    Nu ja ich sage mal wenn sich die Sohle so langsam ablöst dann ist es Zeit sich ein paar Neue Schuhe zu kaufen. :-)

    Ansosnetn dürfen bei mir die Älteren Schuhe immer mit auf den STRONGMAN – RUN, da bekommen sie dann ihr Gnadenbrot verpasst.

  11. Thomas sagt:

    Wo schreibt man denn seinen Text hin um einfach mal nachzufragen wie’s dem Blogger selbst so geht?
    Die letzte Eintragung ist ja schon mehr als 5 Wochen her und als geneigter unregelmäßiger Leser macht man sich ja dann doch schon so seine Gedanken. :-?

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